In der heutigen Zeit ist es ja so, dass alles irgendwie immer härter, schneller, elektronischer und (Obacht, Zitat!) “bässer” sein muss, um noch irgendwie Eindruck zu schinden. Gerade im musikalischen Bereich unserer Szene. Am besten noch ein paar alberne Texte dazu, natürlich der besseren Verkäuflichkeit wegen auf Brechen und Biegen auf das Thema Sex gepimp(er)t. Nun frage ich euch ganz entsetzt: muss denn das so sein? Geht das nicht irgendwie auch anders? Entspanter? Weniger hektisch, dafür vielleicht aber anspruchsvoller? Jupp, tut es. SWEET SISTER PAIN schlagen mit ihrem aktuellen Album “The Seven Seas Of Blood And Honey” gänze andere Töne an und Wege ein. Schnauze voll vom Einheitsbrei? Dann ist das hier die Alternative.
Sweet Sister Pain ist ein noch recht junges Projekt aus Hamburg, das bislang mit einer EP (“Digital Bohéme”, 2007) und ein paar Samplerbeiträgen auf sich aufmerksam gemacht hat. Dabei sind die drei Musiker dieser Band ganz gewiss keine Anfänger, sondern haben sich ihre ersten Sporen im Rahmen musikalischer Tätigkeiten für andere Künstler verdient. Gitarrist und Vokalist Gunther Laudahn war unter anderem als Musiker, Produzent und Remixer u.a. für Sarah Brightman oder Legacy Of Runes tätig. Sängerin und Violoncello-Spielerin Charlotte Kracht war unter anderem schon für Lacrimosa tätig. Und Trommler Rudolph Naomi stellte seine Talente bisher bei KMFDM oder Girls Under Glass zur Verfügung. Eindrucksvolle Namen in der jeweiligen Biografie der Bandmitglieder, die zunächst das Gefühl vermitteln, dass die Herrschaften wissen, was sie tun.
Und tatsächlich: Wer sich auf das erste komplette Album von Sweet Sister Pain einlässt, merkt sehr schnell, dass wir es hier mit traditionellen Musikern zu tun haben, die nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern scheinbar auch mit jeder Menge Herzblut an ihren Job herangehen. Das Label Danse Macabre umschreibt die Musik des Trios mit “Dark Romantic”, was auch immer das heissen mag, die Band selbst redet hier auch gerne mal von melodramatischen Popsongs. Tatsache ist aber, dass Sweet Sister Pain unter Zuhilfenahme jeder Menge akustischer Instrumente einen Sound erschaffen, der im Prinzip jedem Hörer das Herz aufgehen lassen sollte, der sich auch für die..äh.. ASP’sche “Chamber-Musik” begeistern konnte oder sich gerne mal den Klängen einer Loreena McKennitt hingibt. Will sagen: sehr ruhige, sehr stimmungsvolle Songs warten, abwechselnd oder im Duett mit männlichem und weiblichem Gesang, garniert mit einem schweren Folk-Einschlag. Dazu gesellen sich zu ihren eigenen, ausschließlich englischen lyrischen Ergüssen auch Zitate aus großen Werken ernster Musik, so etwa Chopins “Trauermarsch” oder Schuberts “Wiegenlied”. Auch eine Sweet Sister Pain Variante des Tears For Fears Klassikers “Mad World” fand seinen Weg auf diese Scheibe. Wer hätte gedacht, dass dieser Song auch in einer solchen Version so gut funktioniert?
Gut, schieben wir mal die Fakten beiseite jetzt. Es sind nämlich nicht die Biografien der Bandmitglieder oder die musikalischen Anleihen, die sich die Band gestattet, welche die Faszination von “The Seven Seas Of Blood And Honey” ausmachen. Es sind viel mehr die Stimmungen, die sie mit ihrem Werk beschwören. Wie ein Maler auf einer Leinwand malen sie mit ihren Songs stimmungsvolle, herbstlich angehauchte Songs, die in der Lage sind, an bitterkalten Tagen Wärme zu spenden. Dieses Debütalbum gleicht einem Spaziergang durch einen Märchenwald, mit Elfen und Feen die um einen herumschwirren und goldenem Sonnenlicht, das sich durch das dichte Blätterwerk bricht, während unter den eigenen Schritten das Laub raschelt. Was ich damit sagen will, ist folgendes: Sweet Sister Pain bieten eine Stunde Urlaub vom hektischen Alltag. Und das mit einer lässigen Eleganz, wie sie nur Vollblutmusikern innewohnt.
Das erste Mal hörte ich mein Promoexemplar von “”The Seven Seas Of Blood And Honey” im Auto. Und wie es Freund Zufall so wollte, war ich just in diesem Moment auf einer Landstraße unterwegs, während um mich herum schönstes Herbstwetter herrschte. Kein Kunststück für ein Album dieser Machart also, mich schnell in euphorische Stimmung zu versetzen. Das coole ist aber: dieses Kunststück vollbringen Sweet Sister Pain bei jedem Hördurchgang – egal ob im Auto, per pedes bei einem Spaziergang durch Feld, Wald und Wiese oder einfach nur beim Gammeln auf der Couch, während ich den Wolkenbergen auf ihrer Reise über den Horizont beobachte. “The Seven Seas Of Blood And Honey” ist ein fantastisches Album, ein schicker Begleiter für den Herbst und aufgrund seiner extrem unhektischen Beschaffenheit eine willkommen Verschnaufpause in einer immer hektischer werden Welt. Kaufen!
Wertung
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Trackliste
|
Anspieltipps
|








