Die Weihnachtszeit war schon immer Grund und Ausrede für Musikschaffende, entsprechende Machwerke zu veröffentlichen. Immerhin lassen sich mit der allgegenwärtigen Besinnlichkeitsduselei noch ein paar Mark obendrauf verdienen. Vor allem zeitgenössische Populärmusiker sind ganz groß darin, das Fest der Liebe für einen Zusatzverdienst zu nutzen. Auch diese unsere Szene stellt diesbezüglich keine Ausnahme dar. Mir fallen da ganz spontan ein paar echt unheilige Klangverbrechen ein. Aber um die geht es hier nicht, sondern um “Christmas Ghouls” aus dem Hause SPECTRA*PARIS. Gleiches Gesülze wie überall sonst auch? Oder vielleicht doch eine Überraschung?
Es ist gerade mal ein gutes halbes Jahr, dass Kirlian Camera Front- und Lichtgestalt Elena Alice Fossi mit “License To Kill” das zweite Album ihrer Nebenbeschäftigung abgeliefert hat. Und wie Kollege Ash in seiner Betrachtung des besagten Albums schon sehr treffend fabulierte: ‘Sicher keine Platte zum Abtanzen, aber eine für ruhige Stunden allein oder zu zweit.’
Ein hübsches Fazit, dass sich auch problemlos auf die “Christmas Ghouls” anwenden lässt. Wie man beim Lesen des Titels ganz richtig vermutet, ist das Leitmotiv dieser Scheibe die ach so magische Weihnachtszeit. Immerhin finden sich mit “Silent Night” und “Stille Nacht” auch gleich zwei klassische, wenn auch im Prinzip gleiche Songs zu dem Thema auf dieser Scheibe. Wer nun aber fürchtet, Frau Fossi und ihre Kollegen würden hier in den gleichen albernen Kitsch abdriften, wie er all die Jahre die Regale der Elekronikgroßmärkte überflutet, sei an dieser Stelle beruhigt: dem ist mitnichten so. Alles andere wäre angesichts einer Künstlerin wie Elena Fossi auch irgendwie eine mittelschwere Enttäuschung.
Stattdessen entwerfen Spectra*Paris hier einen ganz eigenen Klangkosmos mit magischer, mystischer und von mir aus auch besinnlicher Stimmung, in dem sich die Weihnachtszeit auch ganz wunderbar überstehen lässt. Es muss nicht immer das fröhliche Heile-Welt-Gequatsche sein, mit Liebe hier, Freude da und Eierkuchen überall. Man kann der Sache doch auch eine spannendere, eine weniger auf Kommerz und scheinheiliger Nächstenliebe getrimmte Seite abgewinnen, oder nicht? Eben. Und genau das wird hier getan.
Dem Massengeschmack dürfte “Movie Ghouls”, hier vorliegend in englischer und italienischer Fassung, noch am ehesten entgegenkommen. Ein großartiger, popiger Song nach bekannter Spectra*Paris/Kirlian Camera Machart, dazu Frau Fossis mächtige Stimme. “Joaquin Murietta”, vom Klavierspiel, Streicher und akustischer Gitarre getragen, erinnert irgendwie unweigerlich an Tim Burton Filme. Was ja zunächst mal auch nicht so weit weg ist von der Thematik dieses Albums. Der Rest allerdings sind Ausflüge in extrem ruhige Gefilde, keinesfalls club- bzw. partytauglich. Besinnlichkeit ist hier das Motto. Eintauchen, abschalten und die winterliche Weihnachtswunderwelt mit all ihren magischen Facetten einwirken lassen – und Weihnachten (vielleicht wieder mehr) genießen. Welche Musik mit diesem Hintergrund vermag das noch zu bewirken?
Ich gebe zu: ich bin weder Fan von Weihnachten, noch von der Weihnachtszeit und erst recht nicht von der permanenten Beschallung mittels alberner Frohsinnslala. Wer im Handel arbeitet, wird diese Abneigung sicher verstehen können. Wie auch immer: wenn eine Band, noch dazu eine aus unserer Szene, sich aufmacht, um ein Album mit winterlich-weihnachtlichem Thema zu veröffentlichen, reisse ich nicht gerade die Arme hoch vor Begeisterung. Gott sei Dank kann man “Christmas Ghouls” aber auch als Weihnachtsmuffel gut und gerne weghören, ohne spontan Tannenbäume anzünden zu wollen. Spectra*Paris liefern hier ein stimmiges, atmosphärisches Album ab, das natürlich wunderbar in die Jahreszeit passt, sich aber auch an jedem anderem Abend genießen lässt, der nach Besinnlichkeit schreit. In welcher Form auch immer.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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