Die im Vorfeld veröffentlichten Promo-Clips von GHOST & WRITER machten zumindest eines deutlich: Die Herren Jimmyjoe Snark III und Frank Spinath haben eine Schwäche für alte Schwarz-Weiß-Filme. Auch wenn Hollywood derzeit scheinbar alles am liebsten auf Brechen und Biegen in 3D filmen möchte, so werden auch heute noch Filme ganz klassisch in s/w gedreht. Nämlich immer dann, wenn der Fokus eben nicht auf möglichst eindrucksvolles Effektgewitter liegt, sondern beispielsweise auf zwischenmenschlichen Themen, bei denen bunte Bilder nur ablenkend oder störend wirken könnten. Was das mit dem Debütalbum “Shipwrecks” von Ghost & Writer zu tun hat? Dazu komme ich jetzt.
Das schicke Artwork von “Shipwrecks”, einmal mehr ein kleines Meisterwerk von Claudia Schöne (Guiding Light), weckt Erinnerungen an Kinofilmplakate aus den 50ern Jahren. Eine Komödie wäre “Shipwrecks” sicher nicht gewesen, aber das ist bei den Drehbuchautoren Spinath und Snark auch nicht zu erwarten. Über die Geschichten, die hier in 8 Songs erzählt werden, sagt die Band: “Unsere Songs sind wie kurze, abgeschlossene Filme. Ähnlich wie im Film Noir kämpfen unsere Charaktere häufig auf verlorenem Posten, weil sie zutiefst romantisiert auf der Jagd nach dem sind, was sie nicht haben können, und scheitern. Oder sie sind auf der Flucht vor dem, was sie eigentlich begehrten.” Merkt Ihr was? Der Kreis zum Schwarz-Weiß-Film mit seinem Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen schließt sich. Zusätzlich wird wohl Drehbuchautor (will sagen: Songschreiber) Frank Spinath durch seinen Job als Psychologieprofessor nicht gänzlich unbedarft sein, was diese Thematik angeht.
Was wir also bisher wissen, sind folgende Dinge: das Konzept des Albums orientiert sich an reichlich farblosen Filmen, an alten Kinos und verteilt seine Geschichten auf 8 Songs. Moment mal – lediglich 8 Songs? Ist das nicht etwas wenig? Nö. Sicherlich kann man ein Album auf 15 Songs aufpumpen – erfahrungsgemäß ist die Quote an Füllmaterial dann aber auch deutlich höher, als es hier der Fall ist. Das dynamische Duo hier erlaubt sich nämlich keinen einzigen Ausfall. Ganz im Gegenteil: Ihr selbstgestecktes Ziel, mit jedem Song eine Filmrolle im Kopf des Hörers einzulegen und den Projektor anzuwerfen, erreichen sie mit Bravour! Damit Pfennigfuchser auch ihren Mehrwert geboten bekommen, liefern Ghost & Writer noch auf demselben Silberling das Remix-Album gleich mit. Die gleichen 8 Songs in der ersten Hälfte des Albums wurden in der zweiten von befreundeten Bands (Iris sei hier genannt, Edge Of Dawn natürlich oder Acretongue) in ihren ganz eigenen Versionen veredelt. Ähnlich wie mit einer Münze, die man durch die Hände gleiten lässt, hat dies etwas vom Betrachten beider Seiten einer Medaille. Oder anders: Der Blickwinkel eines Films ist immer vorgegeben, wir als passive Zuschauer bekommen immer nur die Vision des Regisseurs vorgesetzt. Unter diesem Aspekt betrachtet haben die Remixe etwas von einer Art Director’s Cut.
Nachdem wir nun also festgestellt haben, dass das Konzept cool und durchdacht ist und man für sein Geld auch ordentlich Inhalt geboten bekommt, bleibt immer noch die grundlegendste aller Fragen: taugt “Shipwrecks” denn auch musikalisch was? Nun, wenn Elektronikfreunde in den letzten Jahren eines gelernt haben dürften, dann das: wo auch immer Spinath angeschrieben steht, quasi als kreativer Teil des jeweiligen Projekts, dann kommt das einem Gütesiegel gleich. Und auch im Falle von Herrn Snark, immerhin ehemals Teil von The Weathermen, kommt der Ruf, der ihm vorauseilt, nicht von ungefähr. Verspielt wirkt der Sound des Albums, frisch, innovativ und unverbraucht. Da werden Elemente vereint, die zunächst unvereinbar scheinen: flächige Melodien treffen auf schnelle, treibende Beats, in den kurzen Verschnaufpausen hört man dann beispielsweise verfremdetes Klavierspiel, gepaart mit Störgeräuschen. Woanders ertönen Blasinstrumente, dann wieder etwas, das sehr nach Streichern klingt. Manchmal klingt es wie Filmmusik, manchmal glaubt man, Anleihen von Weltmusik herauszuhören. Manchmal vergleichsweise ruhig und getragen, manchmal schnell und stampfend. Das ließe sich ewig so fortführen…
Sieht man von den anderen Projekten ab, an denen Herr Spinath beteiligt ist, fallen mir spontan eigentlich nur noch Destroid und Covenant ein, die ein ähnlich hohes Maß an Experimentierfreude besitzen. Und den Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen. Songs wie “From Hell”, das atmosphärisch dichte “Integrity” oder der bereits im Vorfeld verschenkte Oberknaller “Man On A Wire” sind richtungsweisend! Die Ausrichtung des Albums am Thema Film findet sich konsequenterweise auch im Sound wieder. Das hat zur Folge, das “Shipwrecks” zweimal 8 Songs voller Kopfkino sind. Ganz zu schweigen davon, dass wir es hier mit 16 der besten Electro-Songs zu tun haben, die wir in diesem Jahr zu hören kriegen werden.
Ich glaube, 2011 wird ein gutes Jahr für Freunde elektronischer Musik. Der erste Monat ist noch nicht ganz um und schon kommt wieder ein echter Leckerbissen ins Haus geflattert! Die eigenwillige Stimmung, die Ghost & Writer hier auf mit ihren 8 extrem geschmeidigen Songs hervorzaubern, ist einfach zu verführerisch. “Shipwrecks” hat das Zeug zu einem Klassiker in der Electro-Landschaft zu werden. Und das, meine Damen und Herren, ist ja wohl mehr, als man von einem Debüt erwarten kann! So und bevor ich hier gar kein Ende mehr finde, nur noch das: Kauft diese Scheibe! Vielen Dank.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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