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Alben des Jahres 2011, Im Blickpunkt, Musik-Reviews, Schandmaul — Veröffentlicht am 11. Februar 2011 um 00:19

SCHANDMAUL – Traumtänzer

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Die Folk-Rocker SCHANDMAUL aus München haben in den letzten Jahren einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Platzierungen in den Album-Charts und ausverkaufte Konzertreisen waren dabei keine Seltenheit. 2009 erschien mit “Sinnfonie” ein randvolles Live-DVD/CD Set mit einem dreistündigen Jubiläumskonzert zum 10-jährigen Bandbestehen. Nach diesem Marathon hat sich die Band eine über 17 monatige Ruhepause gegönnt und steht nun zu Beginn des neuen Jahres endlich wieder mit einem neuen Studioalbum in den Startlöchern. Wir haben uns den “Traumtänzer” genauer angeschaut und werden euch nun berichten, ob sich das Warten gelohnt hat.

Die Reaktionen auf den Vorgänger “Anderswelt” aus 2008 waren im Folk-Lager eher verhalten, da weder Single noch Album als der ganz große Wurf bezeichnet werden konnten. Das sollte bei “Traumtänzer” natürlich anders werden. Und dies merkt man schon beim Titeltrack, der das Album gleichzeitig eröffnet. So locker und befreit dieses Stück das Album einleitet, so sehr merkt man der Band ihre Freude an, endlich wieder kreativ zu Werke gegangen zu sein. Ein Titel voller Harmonie, Melodie und – logisch – träumerischen Lyrics, der sich weigert, in bloßem Kitsch abzurutschen. Gleiches gilt für die Kraft und Mut spendende Ballade “Halt mich” und dem mystischen “Mein Lied”, welche das Album abschließen und somit quasi den Rahmen mit “Traumtänzer” bilden. Und wehe hier brüllt einer das neumodische Unwort Grufti-Schlager!

Dazwischen gesellen sich Titel, die von dem in dem Genre immer mal wieder gern genommenen Seemannsgarn erzählen. “Auf hoher See” peitscht dabei quasi stürmisch nach vorne und wartet im Mittelteil auf ein abwechslungsreiches Zusammenspiel sämtlicher Instrumente wie Flöte, Percussion, Gitarre oder Akkordeon auf, während “Mein Anker” eine zuckersüße Liebesballade ist, die von Birgits Flötenspiel locker fröhlich begleitet wird.

Bei all dieser Guuude-Laune-Lala verstehen es Schandmaul aber dennoch, auch einige düstere Songs mit ins Programm einzubetten. “Der Alchemist” beispielsweise sucht mit sozialkritischem Unterton den “Weg ins Licht”, das “Hexeneinmaleins” ist eine tanzbare Rocknummer, die bei dem Aufzählreim ein gekonntes Wechselspiel zwischen Violinen- / Drehleiern- und Gitarrenspiel vollführt. Mehr musikalische Vielfalt geht fast nicht, der Song ist sozusagen wie für die Livebühne gemacht.

Und was noch? Na klar, derzeit kommt ja nichts und niemand um die Blutsauger herum, sei es nun im Film oder in der Musik. Thomas besingt in “Bis zum Morgengrauen” zwar nicht den Titty Twister, dafür aber eine namentlich nicht näher beschriebene Lichtgestalt mit mässerscharfen Zähnen. Interessant an dieser Vampirlady-Nummer ist das Arrangement: Neben den rockigen Instrumenten klingt der Song irgendwie nach Urlaub im Süden unter Palmen und ganz viel Sonne. Solch ein beschwingtes Klangbild mit einem Hauch Espana hätte man einem Titel mit vampiresken Lyrics wohl noch nie gehört. Gewöhnungsbedürftig, aber halt mal was anderes. Und dadurch rein musikalisch gesehen eigentlich alles andere als düster. Der “Schwur” trägt den Hörer ganz offensichlich in Tolkiens Mittelerde, wird hier doch von der Bürde eines gewissen Ringträgers erzählt.

Doch Schandmaul haben noch mehr überraschende europäische Klänge im Gitarrenkoffer: Beim “Pakt”, bei dem es um den Verkauf der Seele geht, könnte man denken, man befindet sich inmitten einer russischen Polka. Klingonisch, is aber so! “Geas Traum” basiert auf dem Roman “Infinity – Der Turm” von Wolfgang Hohlbein, eine lupenreine Folkrock-Nummer, bei der endlich der Dudelsack mal so richtig gequält wird. Zu diesem Song hat die Band sogar ein Musikvideo gedreht. “Des Dichters Segen” unterstreicht erneut den großen Spaß, den die Band bei der Albumproduktion gehabt haben muß. Frisch, from, fröhlich, frei scheint hier die Devise gewesen zu sein. Daß die Musiker mit Freude bei der Arbeit waren, beweist die selbst gedrehte knapp zweistündige Dokumentation “Schandfilm”, die der Limited Edition des Albums in Form einer Bonus-DVD beiliegt, auf eindrucksvolle Weise.

Ein wenn man so will typischer Schandmaul-Song ist “Assassine”, der alles vereint, was die Band so stark macht: einen Kessel Buntes unterschiedlichster mittelalterlicher sowie klassisch-rockiger Instrumente treffen auf Thomas Lindners klare Stimme, die mit einem Ohrwurm-Refrain die “schönste Frau der Welt” besingt, welche dummerweise als Hexe verbannt wurde. Die Nummer ist Schandmaul zu 100% und ein ganz heißer Kandidat für den nachhaltigsten Song des Albums, der sich live als eine sichere Bank herauskristallisieren wird.

Was sagt uns das nun unterm Strich? Unter den 14 so völlig unterschiedlichen Liedern auf “Traumtänzer” befindet sich kein einziger Ausfall. Lediglich “Die Rosen” mag vielleicht nicht ganz so gefallen wie der Rest der Platte. Es könnte jedoch sein, daß dies nur auffällt, weil hier ansonsten wirklich ganz viele potentielle Hits am Fließband produziert wurden, an die besagtes Stück eben nicht ganz herankommt. Selten war es schwieriger als bei dieser CD, für euch die Anspieltips auszumachen, da es bei all der Verspieltheit, der auf höchstem Niveau befindenden Produktion und den musikalischen Neuerkundungen ganz viel auf “Traumtänzer” zu entdecken gibt und wir euch ungern etwas vorenthalten wollen, indem wir gezielte Nummern anderen vorziehen. Am besten ihr zögert gar nicht erst lange und beschafft euch ganz schnell dieses erste wirklich durchweg geniale Stück deutschsprachiger Musik des Jahres 2011, die mit hexeneinmaleinsprozentiger Sicherheit einen guten Platz in der Mad-Goth-Jahresendauswertung innehaben wird.

Bidde! Sie können´s ja doch noch! Nachdem die letzten Studio-Outputs von Schandmaul mir nicht mehr ganz so zugesagt haben wie ihre mittlerweile zu Klassikern der Mittelalterszene gereiften ersten vier Alben, habe ich an das neue Album keine riesigen Erwartungen mehr gesteckt. Die Musik driftete mir zunehmend zu sehr in belanglosen Mittelalterrock ab, sodaß das Interesse an der symathischen Truppe aus Bayern mehr und mehr nachließ. Doch Schandmaul haben nach ihrer Auszeit einen gehörigen Schluck aus der Zaubertrankflasche genommen und melden sich mit einem bärenstarken Sound zurück, der dem Hörer mindestens genauso viel Spaß bereiten wird wie es den Damen und Herren beim Aufnehmen der Platte ergangen sein muß. Freuen wir uns also auf die nächste Tour und den Festival-Sommer, damit wir gemeinsam mit der Band dieses tolle Stück Musik gebührend abfeiern können. Ich kram dann vorsorglich schonmal das eingestaubte Trinkhorn aus der Kiste…


Wertung


Trackliste

  1. Traumtänzer
  2. Der Alchemist
  3. Auf hoher See
  4. Hexeneinmaleins
  5. Bis zum Morgengrauen
  6. Die Rosen
  7. Schwur
  8. Pakt
  9. Der Anker
  10. Geas Traum
  11. Assassine
  12. Halt mich
  13. Des Dichters Segen
  14. Mein Lied

Anspieltipps

  1. Traumtänzer
  2. Hexeneinmaleins
  3. Der Anker
  4. Assassine


Tourdaten

  • 02.03.11 | Bern, CH | Bierhübeli
  • 03.03.11 | Zürich, CH | Volkshaus
  • 04.03.11 | Linz, AT | Posthof
  • 05.03.11 | Graz, AT | Orpheum
  • 10.03.11 | Bremen | Pier 2
  • 11.03.11 | Berlin | C-Halle
  • 12.03.11 | Dresden | Alter Schlachthof
  • 16.03.11 | Mannheim | Maimarkt Club
  • 17.03.11 | Bielefeld | Ringlokschuppen
  • 18.03.11 | Saarbrücken | Garage
  • 19.03.11 | Köln | Palladium
  • 20.03.11 | Stuttgart | Theaterhaus
  • 02.04.11 | München | Zenith
  • 04.06.11 | Freising | Uferlos Festival
  • 18.06.11 | Abenberg | Feuertanz Festival
  • 19.06.11 | Berlin | Zita Rock & Folk Festival
  • 23.06.11 | Wien, AT | Arena
  • 25.06.11 | Quedlinburg | Blackfield Festival
  • 26.06.11 | Gelsenkirchen | Blackfield Festival
  • 05.08.11 | Fulda | Schloßhof Fulda

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