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Blutengel, Musik-Reviews — Veröffentlicht am 25. Februar 2011 um 14:57

BLUTENGEL – Tränenherz

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Jose Alvarez-Brill ist ein (nicht ganz unumstrittener) Produzent, der weiß wie man Songs stricken muss, die kommerziell erfolgreich sind. Dass er sein Handwerk versteht, zeigt ein Blick auf seinen beruflichen Werdegang: nicht nur Produzent von Wolfsheim, Joachim Witt oder De/Vision ist er gewesen, sondern er hob seinerzeit auch das Projekt Unheilig aus der Taufe. Was daraus geworden ist, wissen wir ja alle. Was das nun mit BLUTENGELS neuem Album “Tränenherz” zu tun hat? Erfahrt es hier:

Ganz ehrlich Leute, ich war mehr als skeptisch, als ich erfuhr, dass Mr. Alvarez-Brill an der Produktion des neuen Albums beteiligt sein würde. Nicht etwa wegen seiner handwerklichen Fähigkeiten, die zweifelsohne auf hohem Niveau rangieren, sondern meine Befürchtung war eine ganz andere. Ich hatte die schlimme Vermutung, dass Blutengel nicht mehr wie Blutengel klingen würden, sondern nur noch wie ein auf kommerziellen Erfolg getrimmtes Abbild ihrerselbst. Und was soll ich sagen? Meine Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Um das Fazit hier schon mal in den Raum zu stellen: Für mich, der den Werdegang Blutengels seit ihrem Debüt mitverfolgt, ist “Tränenherz” eine mittlere Enttäuschung. Mehr noch als das rückblickend auch nicht gerade übermäßg berauschende “Schwarzes Eis”. Schon beim Vorgänger sprang der Funke erst nach mehrmaligen Hören über. Im Falle vom “Tränenherz” jedoch wird der Funkenflug vermutlich ausbleiben. Das wird schon alleine dadurch unmöglich, da es mir nicht gelingen will, das Album (die Rede ist hier von der Limited Edition, also von immerhin 3 CDs) an einem Stück durchzuhören. Irgendwann haben die Berliner ganz schnell die Nervgrenze erreicht, die mich auf andere Musik umsteigen lässt. Ist mir im Falle Blutengel noch nie passiert!

Doch warum ist das so? Wie gesagt: in meinen Ohren klingt Blutengel völlig verwässert. So, dass man die Herrschaften auch ganz bequem bei NDR2 (oder ähnlich gelagerten) Radiosendern spielen könnte, ohne dass diese Beschwerdebriefe verstörter Hörer bekämen. Kaum noch verzerrte Vocals, tempotechnisch allenfalls auf mittlerem Niveau und Beats dermaßen abgebremst, dass sie auf gar keinen Fall irgendwie als störend empfunden werden könnten. Die Krönung allerdings sind die Stücke “Ein Augenblick” und “Dein Leben”. Wen “Ein Augenblick” nicht an “Geboren um zu Leben” eines gewissen Grafen erinnert, der hat das letzte Jahr wohl unter einem Stein verbracht. Und auch das besagte “Dein Leben” klingt für mich ziemlich unheilig. Dass Blutengel auf diesem Album ihrem klassischen Schema von elektronischem Düsterpop mit festgefahrenem Klischeevokabular treu bleiben, muss angesichts des verwässterten Klangbilds schon als Punkt auf der Haben-Seite angerechnet werden. Zu deutlich ist hier einfach die Handschrift des Produzenten zu erkennen.

Bevor mir hier eine Blutengel-Feindlichkeit unterstellt wird: dem ist mitnichten so! Und es geht auch nicht darum, dass Musiker mit ihrer Musik keinen (kommerziellen) Erfolg haben dürfen. Schwierigkeiten habe ich nur immer dann, wenn ich das Gefühl habe, der Erfolg soll mit Brechen und Biegen erreicht werden. “Tränenherz” ist so ein Fall und wird mit Sicherheit ein weiterer großer Erfolg für die Berliner, dennoch kann ich einen bitteren Beigeschmack nicht leugnen. Dazu gibt es in diesem Fall einfach zu viele W-Fragen: warum produzierte Chris das Album nicht selbst? Warum musste es ausgerechnet Alvarez-Brill sein? Welchen Einfluss hat Universal Music, eigentlich ja “nur” Vertrieb von Out Of Line inzwischen auf das Berliner Electro-Label? Werden Blutengel die nächsten sein, die nun von einem Medienereignis zum nächsten herumgereicht werden? Alles Dinge, die mir während des Hörens von “Tränenherz” durch den Kopf gehen…

Dem gegenüber stehen dann wiederum Stücke wie “The Lost Children”, das mit seiner einprägsamen Hookline ein sicherer Garant für mitgröhlendes Publikum bei Live-Darbietungen ist. Oder das im Vorfeld als Single veröffentlichte “Reich mir die Hand”, das für mich am ehesten noch nach Blutengel klingt so wie ich sie schätze. Oder auch “The Watcher”, das angenehm experimentell daherkommt. Nicht zu vergessen das einigermaßen flotte “Fly Away”, das noch am ehesten an frühere (bessere?) Tage denken lässt. Ich frage mich, wie das Klangbild von “Tränenherz” ausgesehen hätte, wenn Chris Pohl es alleine produziert hätte.

Unterm Strich wird es aber bleiben, wie es irgendwie immer war: “Tränenherz” wird (wie geplant?) einigermaßen erfolgreich sein, die Hardcore-Fans werden es über den grünen Klee loben, sich vor allem in den schnuckeligen Balladen verlieren und Chris und seine Ladys noch mehr bewundern; vielen wird es auch einfach egal sein. Nur ganz am Ende, irgendwo in der hintersten Reihe wird es ein paar Hörer geben, die enttäuscht auf das “Tränenherz” blicken und feststellen, dass Blutengel zuletzt zu “Labyrinth”-Zeiten wirklich richtig gut waren. Was soll’s, etwas Schwund ist ja bekanntlich immer.

Schwein gehabt! Nur ganz knapp ist das neue Blutengel Album bei mir an der totalen Belanglosigkeit und somit totalen Enttäuschung vorbeigeschrammt. Ich bin mir nur noch nicht sicher, woran das liegt. Erreicht mich die Musik einfach nur nicht mehr? Oder ist es vielleicht doch so, dass “Tränenherz” recht uninspiriert vor sich hin plätschert, so dermaßen glatt gebügelt und auf maximale Massenkompatibilät gepimpt, dass mir (Achtung, Wortspiel!) das Herz tränt? Lieber Chris: künftig bitte wieder ohne Herrn Alvarez-Brill! Produzieren kannst du doch alleine, dann klingt auch Blutengel wieder nicht mehr belanglos und austauschbar.


Wertung

Inhalt Gesang Fan-Faktor Artwork

Trackliste

  1. Tränenherz – Prologue
  2. Über den Horizont
  3. The Lost Children
  4. Save Me
  5. Irgendwann
  6. The Watcher
  7. Ordinary Darkness
  8. Reich mir die Hand
  9. Down On My Knees
  10. Doomsday
  11. Undone
  12. The End
  13. Das andere Ich
  14. Ein Augenblick
  15. Tränenherz – Outro

Anspieltipps

  1. The Lost Children
  2. The Watcher
  3. Reich mir die Hand

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