Es war im schönen Jahre 2006, als eine junge, kanadische Band namens FRACTURED mit ihrem Debütalbum “Only Human Remains” den wunderbaren, geichwohl immer wieder fälligen Beweis antrat, dass härtere Musik nicht im ewig gleichen, montonen Geballer enden muss. Ganz im Gegenteil, sie zeigten, dass sich einem vermeintlich eintönigen Genre noch diverse Facetten hinzuaddieren lassen. Dann allerdings wurde es lange Zeit sehr still um die Band, man konnte fast fürchten es hier mit einer Eintagsfliege zu tun gehabt zu haben. Am Freitag, den 25.3. erscheint ihr neues Album “Beneath The Ashes”. Und die Botschaft ist klar: Unterschätze niemals die Kanadier! Schon gar nicht, wenn sie elektronische Musik machen.
Sagt mal Freunde, habt Ihr auch derzeit so ein bisschen das Gefühl, dass unsere schöne Welt gerade die Hufe hochreisst? Ich meine, guckt Euch doch mal um in der Welt: ob nun die Naturkatastrophen mit anschließendem Atomunfall in Japan, Unwetter in Australien, Aufstände in der arabischen Welt – an allen Ecken und Enden kriselt und kracht es. Wäre man leidenschaftlicher Endzeitbeschwörer, man könnte glauben, die Menschheit hat ihren Zenit seit langem überschritten, die Welt (zumindest die, die den Virus “Mensch” erduldet) nähert sich ihrem Ende – und die Maya würden Recht behalten. Und wenn wir uns dann in der Geschichte mal umgucken, dann stellen wir ziemlich schnell fest, dass im Prinzip jede große Zivilisation früher oder später ihrem Untergang geweiht war. Lasst es nun die besagten Maya sein, die Inka oder das römische Reich – irgendwann kam das rien ne va plus, das große Finale und die Welt sortierte sich neu. So ein Weltuntergangsszenario beschäftigt die Menschheit seit jeher. Ein ganz beliebtes Thema ist dabei auch der Untergang des sagenumwobenen Antlatis. Bereits seit der Antike ist das sagenhafte Inselreich, dessen Existenz nach wie vor sehr angezweifelt werden darf, ein großes Thema, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu umschreiben, die sich auf ihrem Höhepunkt befindet – nur um dann von Mutter Natur gezeigt zu bekommen, wer hier eigentlich die Hosen an hat und dementsprechend in der Versenkung zu verschwinden. Apocalypse now! mit allen Extras im Preis inbegriffen.
Antlantis, sein Glanz, seine Glorie und vor allem auch sein Untergang, das ist das thematische Rahmenkonstrukt bei Fractureds neuem Album “Beneath The Ashes”. Und alleine dafür möchte man die Kanadier knutschen. Gar keine Frage: weltenrettertechnisch motivierte Veröffentlichungen, gerade auch im düster-elektronischen Musikbereich, gibt es jede Menge. Dabei teilen sich diese Veröffentlichungen grob in zwei Lager: die einen, die platt den Finger in die Wunde drücken, natürlich nachdem sie selbigen vorher in Essig gewaschen haben, und die, wo vor lauter kryptischen Lyrics die eigentliche Botschaft am Hörer fröhlich winkend vorbei läuft ohne ihn zu erreichen. Gesellschaftskritische Themen vor dem Hintergrund einer mythischen Geschichte zu platzieren, das ist schon im Hinblick auf die Zahl entsprechender Alben eine Art Sonderstellung mangels Mitbewerber. Grenzt man die Betrachtung auf unsere Szene ein, dann haben wir es hier schon fast mit einem Alleinstellungsmerkmal zu tun. Lange Rede, kurzer Sinn: für ihren moralischen Zeigefinger haben sich Fractured einen extrem coolen Rahmen ausgesucht. Allein dafür schon gehen beide Daumen nach oben.
Nun lebt so eine CD, sofern sie nicht gerade von einem Liedermacher einsam mit seiner Ukulele eingespielt wurde, natürlich von der Musik. Und gerade im Electro-Genre haben wir schon diverse spannende Veröffentlichungen erleben dürfen, die als sichere Bank galten, von Fans und Presse aber sehr ambivalent aufgenommen wurden. Covenant sei hier in den Raum gestellt oder auch Ghost & Writer. Bei besagten Bands, seien sie noch so unterschiedlich, fällt eines deutlich auf: der Mut zur Lücke. Will sagen: zu Experimenten. Und wer nun dachte, damit sei das Ende der Fahnenstange bereits erreicht, der hat die neue Fractured-Scheibe noch nicht gehört! Nach Bands wie Skinny Puppy, Front Line Assembly oder Decoded Feedback sollte eigentlich klar sein, dass kanadische Bands, die auch nur ansatzweise im Electro-Bereich beheimatet sind, einen Hang dazu haben, ausgetretene Pfade zu verlassen und die Spielregeln neu zu definieren. Fractured bilden da keine Ausnahme. Eingeleitet wird das Album mit dem Stück “Beneath The Ashes”, dessen Anfang mit der Akustikgitarre, den extraweiten Synthie-Flächen, dem Pianospiel und dem sachte, aber doch nachdrücklichen Einwirken “herkömmlicher” elektronischer, tempogebender Elemente wie die Ruhe vor dem Inferno wirkt, das im Verlauf der folgenden 50 Minuten über den Hörer hereinbrechen wird. Beinahe so, als würde sich der Himmel verdunkeln, kurz bevor ein Vulkan das Atlantis unserer modernen Gesellschaft für immer vom Antlitz dieser Erde fegen wird. Inferno aber auch im Bezug auf Abwechslung, weil wenn schon Untergang, dann aber so richtig! Wem “Only Human Remains” noch einigermaßen im Ohr klingelt, der wird sich ganz schön umhören und sich möglicherweise fragen, ob es er/sie/es hier noch mit der gleichen Band zu tun hat. Viel, viel organischer wirkt der Sound der Kanadier und scheinbar haben sie alles in ihr Endzeitepos eingestreut, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Hier sind genauso Hellectro-Anleihen enthalten wie höchst dezente Ausflüge in Richtung Trance, dann wiederum überraschen Fractured mit Ausflügen in Bereiche, die woanders als Soundtrack verkauft werden würden, nur um dann mit organischen Elementen zu überraschen, die für gewöhnlich eher im klassischen Bereich zuhause sind. Wie eben die besagte Akustikgitarre. Aber auch fette Gitarrenriffs (künstlich oder via Sample, das ist hier einfach mal völlig wumpe) fanden ihren Weg in dieses Gesamtkunstwerk. Fractured scheren sich einen Dreck um Konventionen, um Vorstellungen die an ein bestimmtes Genre geknüpft sind oder Erwartungen, die vielleicht an sie und ihr Nachfolgewerk zum sensationellen “Only Human Remains” gestellt wurden. Als Lohn für dieses unbeschwerte Vorgehen dürfen die Kanadier aber auch guten Gewissens von sich behaupten, eines der spannendsten, abwechslungs- und facettenreichsten (Electro-)Alben seit mindestens 2006 produziert zu haben. Nicht mehr, nicht weniger.
Was soll ich noch groß sagen? “Beneath The Ashes” ist eine der schönsten Apokalypsen, seit es elektronische Musik gibt. Und für jedem Musikfreund, dem Abwechslung in diesem Bereich gar nicht groß genug geschrieben werden kann, ein klarer Pflichtkauf! Sollten Fractured wieder gute fünf Jahre brauchen, um ein weiteres Folgealbum zu produzieren und dabei wieder so extrem hochwertige Kost herauskommen, dann soll mir das recht sein. Die großen Lücken haben dann nur einen Haken: Angesichts dieser Zurückhaltung werden Fractured es nicht schaffen, in einem Atemzug mit den Größen elektronischer Musik genannt zu werden. Was sehr, sehr schade wäre, denn spätestens mit “Beneath The Ashes” haben sich Fractured in die oberste Liga katapultiert.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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