Drei Jahre nachdem IN EXTREMO mit “Sängerkrieg” zuletzt albumtechnisch in Erscheinung getreten sind, melden sich die Mittelalter-Rocker um Sänger Micha Rhein aka Das Letzte Einhorn 2011 mit einem neuen Album zurück. “Sterneneisen” heißt das neue Werk, das seit dem 25. Februar in den Regalen steht und sofort auf Platz 1 der Media Control Album Charts einstieg, was für die Jungs längst kein Novum darstellte, da sie dies bereits mit dem Vorgänger geschafft hatten und seit langer Zeit nicht ausschließlich der Mittelalterszene ein Begriff sind. Zu ihren Konzerten pilgern nicht nur in altertümlichen Kleidern gewandte Leute, sondern auch Gothic, Punks, Metaller oder Otto-Normalbürger. Spätestens seit Stefan Raabs Bundesvision Cong Contest, wo sie 2006 für Thüringen antraten und mit “Liam Liam” den dritten Platz erreichten, sind In Extremo auch für den Mainstream kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nun sind sie also wieder da – wir haben uns “Sterneneisen” genauer unter die Lupe genommen.
Auffällig ist zunächst einmal das Coverartwork, das wirklich sehr hübsch gestaltet worden ist. Ein Doppeldecker fliegt durch die Wolken, bei dem der Pilot durch ein Fernrohr in die Weiten schaut. Natürlich ist an Bord auch Platz für Wein in Form von Faß und Flasche vorgesehen. Eine Fahne mit dem Heptagramm, dem aktuellen Logo der Band, weht im Wind. Das Album kommt im schicken Digipak daher, das Cover sieht nicht nur gut aus, es fühlt es sich ob des Prägedrucks auch toll an. Vor allem in der Deluxe Edition (inkl. Bonus-DVD: “Wahre Jahre – Live in Erfurt”) macht das Teil im Regal ordentlich was her.
Schon die Vorabsingle “Zigeunerskat”, zu dem die Band auch einen Videoclip drehte (s.u.), prescht ohne großes Vorgeplänkel druckvoll nach vorne, Dudelsäcke wechseln sich gekonnt mit den Gitarrenriffs ab, wobei der Chorus stets von dem stilprägendsten Musikinstrument der Band begleitet wird. Hier machen InEx unmißverständlich klar: “Wahre Freiheit, ist was wir lieben!” und “Ja ihr wißt, hier sind die Glorreichen Sieben!”. “Spiel und Lust” stehen bei diesem Gude-Laune-Opener ganz klar im Vordergrund und stimmen den Hörer auf ein facettenreiches Album ein, das aber im weiteren Verlauf auch noch andere Töne anschlagen wird.
Wem das noch nicht genug der Selbstbeweihrauchung war, der bekommt auf dem Titeltrack noch mehr davon, hier heißt es: “Genauso sind wir auch erschienen, waren verehrt und angespien” und “Große Herzen, großes Maul, abends fleißig, morgens faul. Also denkt dran: Laut sind wir und nicht die Leisen!” Nunja, inwiefern diese Werbung in eigener Sache zumindest textlich sein müssen, mußt du, lieber Hörer und Leser, selbst entscheiden. Bei den Böhsen Onkelz waren dies stets die beliebtesten Songs, obwohl sie unterm Strich doch völlig inhaltslos sind. Aber In Extremo wären nicht In Extremo, wenn sie nicht auch anklagende Texte zu bieten hätten. Von daher gönnen wir ihnen dieses Stück einfach mal, zumal er es uns rein musikalisch wieder direkt auf die Zwölf gibt. Paßt schon!
Eine weitere Rocknummer, welche die gute Laune weiter aufrecht hält ist der Song “Gold”, der ebenfalls prädestiniert erscheint für eine mögliche weitere Single-Auskopplung. Zumal sich auch hier die altertümlichen Klänge (Sackpfeife, Dudelsack) sehr gut mit der rockigen Attitüde der Band vereinbaren lassen. Zudem kommt, daß der Song trotz des Mitgröl-Faktors auch unweigerlich seine Message rüberzubringen weiß: “Es ist nicht alles Gold, was glänzt – Ich hoffe, daß du das erkennst, weil es die Augen blendet…”
In “Viva La Vida” wird nichts weiter als die schönen Seiten des Leben besungen. Besoffen lallend mit krächzender Stimme beginnt Micha dieses Stück und singt vom “Säufermond, der sich zur Ruh legt”. Was dann kommt sind dreieinhalb Minuten volle Power, zu deren Stärke neben den straighten Gitarrenriffs und den präsenten Drums in erster Linie der eingängige Chorus steht: “Viva La Vida, denn so ist das Leben!”. Wenn das Teil kein Anwärter auf eine stilsichere Livegranate ist, können wir niemandem mehr helfen. Es ist förmlich zu spüren, wie der Pilot auf dem Cover durch die Lüfte gleitet und sich dabei ordentlich einen hinter die Binde kippt. Und hey: ein ordentliches Trinklied hat noch keiner guten Platte geschadet, oder?
“Siehst du, siehst du das Licht, es scheint auch für mich, ich warte auf dich (ich bewahr es für dich)”. Aha, der erste gefühlvolle Titel auf “Sterneneisen”! Voller Sehnsucht trauert der Text von “Siehst du das Licht” einer verlorenen Liebe hinterher. Dieses Gefühl vermittelt bereits das einleitende Flötenspiel, aber auch gegen Songende machen die ansonsten auf dem Album sehr präsenten Gitarrem eine kurze Pause und überlassen die Szenerie dem Mittelalter. Auch wenn Nostalgiker der Band auf dieser Platte wohl mal wieder vorwerfen werden, den Mittelalter-Anteil ein weiteres Stück zurückgefahren zu haben. Das ist zwar zu einem gewissen Anteil nicht ganz falsch, aber wenn die mittelalterlichen Elemente eingesetzt werden, dann deutlich spürbar und im Vordergrund stehend. Man muß also attestieren, daß während der Produktion auf eine gewisse Balance durchaus geachtet worden ist.
Ähnlich verhält es sich bei “Auge um Auge”: die Melodie wird auch hier von den Dudelsäcken getragen, zwischendurch dominieren Schlagzeug und Gitarre. Bei Minute 2:45 des von den letzten Momenten vor der Hinrichtung handelnden Stückes machen In Extremo einen kurzen Abstecher in speedmetallische Gefilde und verleihen der Nummer nochmal ordentlich Schub nach vorne. Übrigens: nach dem Weggang von Morgenstern an den Drums übernahm Specki T.D. von der Letzten Instanz diesen Part. Dies mag der Grund dafür gewesen sein, weshalb gerade das Schlagzeug so präsent ist auf “Sterneneisen”.
Bei “Stalker” ist der Titel Programm – erzählt er doch von der fragwürdigsten Art des Fantums: wenn aus Bewunderung pure Abhängigkeit wird, wenn es nicht mehr um Inhalte, sondern einzig und allein um Personenkult geht. Das eigene Leben gerät in den Hintergrund, während die Sucht nach den “Stars” immer größer wird. Zwar kein neues Thema, aber ein zu wichtiges, um nicht oft genug angesprochen werden zu können. Dem gegenüber stehen die Themen Neid und Missgunst. Diese beiden negativen Gefühle werden im neuen Zauberspruch-Aufguß besungen, der laut Booklet uralt und estnischer Abstammung, dessen Herkunft jedoch nicht bekannt sei. Jawohl, auf “Sterneneisen” gibt es mit “Zauberspruch No. VII” eine Fortführung der beliebten Stücke und der melodischen Seite In Extremos. Eine wunderschöne Powerballade mit toller Melodie, Michas kraftvollem Krächz-Gesang und ganz viel Feuerzeug-Potenzial – freuen wir uns auf die Live-Umsetzung!
Kein hartes Rockalbum ohne die obligatorische Ballade. Und wer sollte hier der passendere Co-Pilot sein als der Herr der deutschsprachigen Balladen: der Mann, vor dem man seit einem Jahr nicht mehr sicher ist: Uns aller Nicht-Bernd aka Der Graf. Uns ist nicht bekannt, wann der Titel aufgenommen wurde und ob es sich hier um berechnendes Kalkül handelt, aber der Song hätte auch ohne Weiteres auf einem Unheilig Album landen können. Sei es wie es sei: eine Schunkelballade, die zumindest textlich eine mutige Nummer ist und nur ganz knapp am Schlager vorbeidriftet. Eigentlich schade, daß Der Graf ausgerechnet auf diesem Song mitsingen mußte, was seinem Image sicherlich nicht förderlich ist. Denn: rein technisch gesehen paßt das Duett tatsächlich gut zusammen. Mit einem anderen Text hätte hier sogar etwas richtig Großes entstehen können.
“Unsichtbar” beginnt düster und bedrohlich, mit einem schnörkellosen Gitarrenriff, der sich mit einer Harfe abwechselt. Klingt strange? Klar, soll ja auch so sein. Denn bei diesem Stück gastiert stimmlich die Trash-Ikone Mille Petrozza von Kreator. Unsichtbar für viele Menschen sind die Straßenmusiker, die nur für uns spielen, all ihr Herzblut in die Musik stecken, aber letzten Endes lediglich zur Kenntnis genommen werden und nur von den wenigsten Menschen mit einem Nickel für ihre Kunst belohnt werden. Damit haben wir also auch den Spielmann-Song des Albums abgehakt.
Zum Schluß wird es nochmal kuschelig und gefühlvoll. Von Sehnsucht und einer verlorenen Liebe singt uns Das Letzte Einhorn in “Ich vermiss Dich”, dessen Name hier Programm ist. Ein schönes Liedchen zum Ausklang eines unterm Strich geschmackvollen und stilistisch abwechslungsreichen 46 Minuten langen Albums, das in sich stimmiger ausfällt als sein Vorgänger “Sängerkrieg”. Und da es die wahre Freiheit ist, die sie lieben, sind In Extremo ab April auf ausführlicher Deutschlandtour, deren Daten ihr am Ende dieses Artikels entnehmen könnt.
“Sterneneisen” ist als Standardversion (Single-CD), Special Edition (mit Bonus-DVD) und Deluxe Edition erhältlich. Die Deluxe-Edition beinhaltet die 10 Songs der Bonus-Live-DVD aus der SE auch noch als Audio-CD. Außerdem gibt es hier fürs Geld noch: eine In Extremo Flagge, eine Gürtelschnalle, einen Button, eine Sprühschabline, einen Afkleber und zu guter Letzt eine CD-Stecktasche.
Wo im Jahr 2011 das Electro-Genre irgendwie nicht so richtig in die Puschen zu kommen scheint, stehen die Sterne im Mittelalterrock-/folk Bereich besser. In Extremos neues Werk bietet viel Abwechslung, manchmal einen Grund zum Nachdenken, sehr oft zum Feiern und gemeinsam miteinander Anstoßen oder einfach nur zum Träumen. Auffällig ist die Aktualität des Albums. Vorbei scheinen die Zeiten von typischen altertümlichen Themen zu sein. Hier stehen Neid, Mord und Stalking im Fokus. Damit präsentieren sich die Ostberliner brandaktuell und halten die Fahne zusammen mit Schandmauls grandiosem “Traumtänzer” ganz weit hoch.
Wertung
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
Trackliste
|
Anspieltipps
|
Videoclip
Tourdaten
- 06.04.11 | Köln | E-Werk
- 07.04.11 | Köln | E-Werk
- 08.04.11 | Gießen| Hessenhalle
- 09.04.11 | Ludwigsburg | Arena
- 10.04.11 | Zürich, CH | Volkshaus
- 12.04.11 | Wien, AT | Gasometer
- 13.04.11 | München | Zenith
- 14.04.11 | St. Ingbert | Mechanische Werkstatt
- 15.04.11 | Hannover| AWD-Arena
- 16.04.11 | Magdeburg | Stadthalle
- 17.04.11 | Bielefeld | Ringlokschuppen
- 19.04.11 | Rostock | Stadthalle
- 20.04.11 | Bremen | Pier 2
- 21.04.11 | Siegen | Siegerlandhalle
- 22.04.11 | Berlin | Columbia Halle
- 26.04.11 | Singen | Stadthalle
- 27.04.11 | Fürth | Stadthalle
- 28.04.11 | Leipzig | Haus Auensee
- 29.04.11 | Leipzig | Haus Auensee
- 30.04.11 | Erfurt | Thüringenhalle








