“Rockmusik aus Finnland kann nur Glamour, trieft vor Schmalz und ist nur für Mädchen!” – ein gern genommenes Klischee, genauso albern wie falsch. “Industrial-Rock funktioniert nur, wenn es aus den Staaten bzw. aus Kanada kommt!” – noch so ein Gerücht, das einen ähnlichen Wahrheitsgehalt besitzt, sich aber genauso hartnäckig hält. Dass die Finnen auch ganz anders können, nämlich den Kollegen jenseits des großen Teichs mit geschmeidigen Industrial-Rock einheizen und nebenbei den Rest Europas (und später natürlich der Welt) erobern, das wollen COLD COLD GROUND mit ihrem Album “This Side Of Depravity” beweisen.

Halten wir folgendes zunächst mal fest: das Quartett, bestehend aus Hauptmann D, NooZ, Monsieur Beau und dem Killerhasen Mr. Bunny, ist nicht notwendigerweise schwiegermuttertauglich. Von der obligatorischen, bewusst irgendwie ziemlich abgefuckten Erscheinung her gleich gar nicht, aber auch musikalisch und inhaltlich ist das nichts, was man vorführen könnte, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen…

…es sei denn, man ist vor allem Musikliebhaber und als solcher auf der Suche nach dem vollen Brett! Es scheint finnischen Musikern im Blut zu liegen, aller Härte zum Trotz Songs zu basteln, die über den nötigen Drive verfügen, die richtige Portion Eingängkeit und, in diesem Fall, eine überzeugende Portion Rotznäsigkeit bieten, um sofort ins Ohr zu gehen. Und, noch wichtiger, auf Anhieb zu begeistern! Mit deutlich hörbarer Freude an ihrem Job prügeln die vier Herren ein infernales Gewitter durch, dass jedem Freund gitarrenorientierter Industrialmucke die Begeisterung warm am Bein entlang laufen müsste! Fette Gitarrenbreitseiten werden hier abgefeuert, verziert mit jeder Menge elektronischer Tüfteleien, überzeugendem Gesang und mitreissenden Melodien. Alles eingeschnürt in einem ziemlich knackigen Industrialkorsett. Wir sind ja hier schließlich auch nicht bei Carmen Nebel. Wie gesagt – um Vorzeigetauglichkeit geht es den Jungs nicht. Dieses “schau doch mal wie schön”-Gemache überlassen Cold Cold Ground ihren glamrockenden Landsleuten, während sie selbst auf der Rasierklinge reiten.

Und genauso wie es in der musikalischen Ausgestaltung wenig zimperlich zur Sache geht, zeigen die Herrschaften auch in ihren Texten keine falsche Zurückhaltung. Beispiel gefällig? Hier ein Zitat aus DIYM: ” And you’re not going to die as a hero / You’re not going to die as a star / No, you’re going to die alone / On the cold concrete floor of a prison shower room / With a bottle in your ass and a dick in your mouth

Ich sehe eine gewisse Prüfstelle angesichts solcher expliziten Inhalte schon wieder ganz unruhig werden und zur Schnappatmung übergehen, zumal das Album ganz vornehm auf den sonst üblichen schwarzen “Explicit Content”-Sticker verzichtet. Na sollen sie mal machen. Fest steht jedenfalls: Beide anfänglich erwähnten Klischees haben Cold Cold Ground mit “This Side Of Depravity” eindrucksvoll widerlegt.

Na so ein Glück, dass die Herren Cold Cold Ground mit den sonst so schnuckeligen finnischen Glam-Rockern außer der Herkunft überhaupt nichts gemeinsam haben! “This Side Of Depravity” ist böse, laut, schnell, einigermaßen hart, eingängig und abwechslungsreich – und das reinste Vergnügen. Wer es inhaltlich wie akustisch härter braucht und dennoch nicht auf Melodien inmitten des Krachs verzichten möchte, der kommt in diesem Frühjahr an Cold Cold Ground nicht vorbei.

Wertung

Fan-Faktor

Trackliste

  1. You Will Break
  2. Pigs
  3. Warden
  4. Doves
  5. Pseudo Life
  6. DIYM
  7. Tension
  8. Salesman In Me
  9. Electrodes In The Head
  10. Disintegrating

Anspieltipps

  1. You Will Break
  2. Pseudo Life
  3. Electrodes In The Head
  4. Disintegrating

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