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Im Blickpunkt, Musik-Reviews, Wumpscut — Veröffentlicht am 13. April 2011 um 22:35

:WUMPSCUT: – Schrekk & Grauss

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Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir die “Siamese” von :WUMPSCUT: ins Haus geliefert bekommen. Ein Album, das insgesamt genau wie seine Vorgänger auf sehr geteilte Meinungen gestoßen ist. Vielen war es zu weichgespült, vielen zu belanglos. Wenigstens hatte es mit “Boneshaker Baybee” und dem Titeltrack noch zwei brauchbare Passagiere an Bord. Auch auf “:Fuckit:” (“The Boo”) und “Schädling” (“Schäbiger Lump”) konnte der Industrial-Hörer nach anstrengender Arbeit noch den einen oder anderen ordentlichen Track ausfindig machen. Ob dies nun bei dem am 22. April erscheinenden Werk “Schrekk & Grauss” genauso ist oder ob hier endlich eine Tradition gebrochen werden kann, haben wir für euch herausgefunden.

Wir machen es kurz und schmerzlos: Ja, es scheint sich etwas in der Tradition geändert zu haben. Allerdings nicht zum Vorteil für das Landshuter Electro-Projekt um Rudi Ratzinger. Im Gegenteil, es wird in diesem Fall alles noch viel schlimmer. Nicht nur, daß das Coverartwork und die gezeichneten Gestalten im Booklet an sich schon albern aussehen, zu einem ansonsten auf Teufel komm raus Möchtegern-Düsterböse-Projekt wie :W: paßt dieser karikaturelle Präsentationsstil erst  recht nicht. Vor allen Dingen nicht dann, wenn man sich in der Discographie dieses Acts ein wenig auskennt. Oder soll es sich hierbei wohlmöglich um eine Karikatur seiner selbst handeln? Wir wissen es nicht.  Schaut man sich dann die Songtitel des bekloppten Namens “Schrekk & Grauss” genauer an, wird man in seiner negativen Vorahnung um ein vielfaches verstärkt. “Muselmann”, “Kikeriki”, “Elende Buben”, “Wumpelstilz” und als i-Tüpfelchen “Zombibikini”. Äh… wie bidde??? Hat man diesen ersten Schock halbwegs verdaut und sich getraut, der Promo dann doch für 49 Minuten zu lauschen, müssen wir leider warnend verkünden: es gibt viele Arten von Zeitverschwendung. Das Anhören eines neuen :Wumpscut:-Albums scheint allerspätestens seit dem Jahre 2011 definitiv eine davon zu sein. Himmel, hilf!

Die minimalistische Electro-Nummer “Rufolf Wolzek” begegnet uns zumindest noch mit einem Mindestmaß an Aggressivität, das uns erahnen läßt, mit wem wir es hier zu tun haben. Doch ein Opener, der Appetit auf mehr macht, ist dies gewiss nicht. Es geht weiter mit dem Titeltrack “Schrekk & Grauss”, der etwas Hoffnung beim gegen den Kopf gestoßenen Electrohead in :W:-Bomberjacke aufkommen läßt. Sehr experimentell fällt der Song aus, der in erster Linie durch Schrei-Samples auffällig ist, einprägsame Lyrics und frickelndes Electro-Beiwerk mitbringt und sich zusammenfassend irgendwo zwischen 08/15-Industrial und Electro bewegt. Immerhin ein Song, der sekündlich an Fahrt aufnimmt und in einem Inferno aus Soundkaskaden gipfelt, der aber wiederum für den Club leider viel zu experimentell prodzuziert wurde. Der “Muselmann” fängt atmosphärisch düster an, spätestens jedoch bei den Lyrics verpufft die Stimmung urplötzlich und hinterläßt die ersten Zeichen von Unzufriedenheit beim verärgerten Hörer. In “Patient A” berichtet ein österreichischer Arzt über das Befinden eines an Magenkrämpfen, Herzschwäche und Parkinson leidenden Patienten. Ratzinger verwendet hier ausschließlich Samples in diesem Lahmarsch an Song, der in den guten alten Tagen des ehemaligen Dark Electro-Helden Ratzinger normalerweise selbst für eine B-Seite zu schwach wäre.

Was der Bayer sich mit der Witznummer “Kikeriki” gedacht hat, weiß allerhöchstens nur er selbst – wenn überhaupt. Jegliche Zeilen hierüber zu verlieren, kostet dem Rezensenten eigentlich nur teure Lebenszeit. Weil ihr es seid, macht er es trotzdem… In einem Kinder-Sample bekommen wir zu hören: “Was hast du denn, ich hab doch nichts getan, was willst du denn von mir?” Tja, diese Frage würden wir Herrn R. auch gerne mal stellen.  Wir haben doch nichts getan, warum quälst du uns mit solch einem Unsinn? Wie erwähnt sind hier also nicht nur die musikaliscen Ergüsse unterirdisch, sondern auch die Lyrics sind mit keinen anderen Worten zu bezeichnen als oberpeinlich. “Du kennst ihn, du magst ihn, du willst ihn, du kriegst ihn, er ist teuer, das macht nichts, der Zombibikini” oder “Jiddisch is a Zwillink – in German: ein Zwilling” sind hoffentlich abschreckende Beispiele genug, um sich eine Vorstellung davon machen zu können, was einen hier zu erwarten hat. “Elende Buben” ist noch am ehesten tanzbar. Der ebenfalls recht minimalistisch gehaltene Titel erfindet das Rad gewiß nicht neu, überzeugt aber zumindest mit einem Beat, der immerhin etwas in die Beine geht und den man vergebens beim Rest der Stücke dieses Machwerkes sucht.

Sorry, Rudi, aber entweder du versucht mit dieser fragwürdigen Platte auf eine ganz besonders bedenkliche Art und Weise zu provozieren, oder dir fällt einfach nichts anderes mehr ein. Sollte zweiteres der Fall sein, dann entschädigt das dennoch nicht dieses Werk. Wenn auf “Zombibikini” wenigstens Samples aus “Return of the Living Dead 3″ von Mindy Clarke Verwendung gefunden hätten, dann könnte man diesen Track eventuell noch mit einem Augenzwinkern durchgehen lassen. Ohne jedoch jegliche eindeutige Hinweise auf Ironie oder zumindest den Ansatz einer Erklärung im Booklet für das hier Gehörte, kann kein Electrohead jenseits Landhuts erahnen, was Ratzinger hiermit ausdrücken möchte. Es gibt genügend Beispiele für wichtige Electro-Acts, die sehr wohl neben ihren ernsten Themen auch mal auf Klamauk machen. Funker Vogt wären hier als Beispiel zu nennen. Die Hamelner Jungs ziehen allerdings eine deutliche Trennlinie und veröffentlichen ihre Partytitel, die lyrisch nicht ganz so ernst gemeint sind, unter einem anderen Namen (Fusspils 11). Wenn Ratzinger dies nicht bald kapiert ist er auf dem besten Weg, das nur noch ganz schwach funkelnde Licht Wumpscuts endgültig zu erlöschen.

“Schrekk & Grauss” – hier ist der Name Programm. “Alles Aus”? Das werden wir erfahren, wenn wir uns in einem Jahr mit der nächsten “:Wumpscut:”-Platte zurückmelden. Es sei denn, Rudi merkt selbst, daß es an der Zeit wäre, mal eine kreative Auszeit zu nehmen und sich erst einmal selbst zu sammeln, neuen Ideen die Zeit zu geben, sich zu entwickeln, um diese endlich wieder in brauchbare Musik für die eigenen vier Wände sowie für den Club zu verwurschteln.  Release-Date ist nicht der 1. April gewesen, für einen Aprilscherz erscheint das Album also reichlich spät. “:Wumpscut:” ist ein ganz heißer Kandidat für die Goldene Himbeere 2011!

 

Ich bin mittlerweile an dem Punkt angekommen, wo ich dieses einst glorreiche Projekt, das so viele unsterbliche Szene-Klassiker verzapft hat, nicht mehr ernst nehmen kann und will. Viele :W:-Fans (oder mittlerweile ehemalige, wer weiß) echauffierten sich damals über das Album “Evoke”. Ich möchte nicht wissen, was dieselben Zungen über “Schrekk & Grauss” sagen (würden). Nein, lieber Rudi, die letzte Platte, die wirklich noch hörbar war, war “Cannibal Anthem” von 2006. Insgesamt drei Mal habe ich dieses Katastrophenalbum nun durchgehört (öfter wird es in diesem Leben nicht mehr vorkommen), um sagen zu müssen: Ich fühle mich verarscht. Das Projekt :Wumpscut: muß dringend mal ins Trainingslager geschickt werden – mit dieser Leistung ist der Abstieg nicht vermeidbar.


Wertung


Trackliste

  1. Rudolf Wolzek
  2. Schrekk & Grauss
  3. Muselmann
  4. Elende Buben
  5. Patient A.
  6. Jiddisch is a Zwillink
  7. Wumpelstilz
  8. Kikeriki
  9. Zombibikini
  10. Alles Aus

Anspieltipps

  1. Elende Buben
  2. Schrekk & Grauss

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Diskussion im Forum:

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  • Anonymous

    Ich wusste gar nicht, dass eine Chartplatzierung notwendigerweise etwas über die Qualität aussagt. Unheilig hat auch das erfolgreichste deutsche Album aller Zeiten abgeliefert – war es deswegen aber wirklich gut? Ansonsten kann ich mich der Meinung von Ash nur anschließen: zuletzt so richtig gut war :W: mit “Cannibal Anthem”. Und auch ich würde es wirklich begrüßen, wenn der Mann vielleicht wenigstens 1 Jahr Schaffenspause einlegt, bevor er wieder ein neues Album auf den Markt wirft.

  • Electrodoreen

    ich höre auch seit 14 jahren wumpscut…und dieser beitrag hier ist einfach nur lächerlich und total wiedersprüchlich.wie kommt es denn das wumpscut mit dem neuen album auf platz 1 der alternativ charts gewählt wurde, wenn es doch so schrecklich und grauss ist??? musik ist ebend gott sei dank eine geschmacksache.mir gefällt das neue album sehr gut, und rudy ist einer der wenigen musiker die sich selbst und ihrer musik treu bleiben.und wer keine ahnung hat soll lieber mal die fresse halten!!! kritik schön und gut aber bitte nicht so oberflächlich und unter niveau. geht gar nicht!!! diese zeitschrift werde ich nicht weiter empfehlen.beste grüsse aus berlin…

  • http://www.facebook.com/profile.php?id=100000053547299 Colin G. Opiolka

    Ich höre schon seit Jahren :W:umpscut… Und wenn ich ehrlich bion, ich bin von jedem Album bisher bgeistert… Jedes auf seibne Art und Weise hat Stil und ist gut!

  • Pingback: Klangwelt Links der Woche: Neuigkeiten aus den Bereichen EBM - Synthiepop - Electro - Indie

  • Anonymous

    Auweia… dann weiß ich jetzt aber zumindest, welche Scheibe ich mir in diesem Jahr NICHT kaufe…

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