Das Welle: Erdball Seitenprojekt Das Präparat konnte sich im Jahr 2003 nicht durchsetzen, also erschuf man 2004 die Formation HOMO~FUTURA. Songs wie “Klaustrophobie” oder “ICH-Komplex” sind daher einigen Hörern bereits durch diverse Sampler- und Clubeinsätze bekannt. Nach sieben Jahren veröffentlichen nun also Dr. Georg Linde (Honey von Welle: Erdball) und Frl. Plastique (ebenfalls Welle sowie The Girl & The Robot) ihr erstes Fulltime-Album “Der Neue Mensch” und versuchen, es mit homo~futura besser zu machen als mit Das Präparat. Unterstützt werden sie dabei von F. Einstein und dem Künstler Kevin Gross. Letzterer steuerte sogar noch unveröffentliches Material zu, das neu aufgenommen wurde und auf “Der Neue Mensch” seinen Platz fand. Wir haben vorab für euch in das am 20. Mai erscheinende Album reinhören können.
Den Startschuß macht “Die Welt von heute”, das die Gewohneiten des Menschen und die Konsumgesellschaft an sich von heute resümmiert. Der Sound versprüht angenehmes 80′s Feeling, Honey und Plastique singen diesen Opener im Duett und im Nu stellt sich beim Hörer ein bekanntes Wohlgefühl ein. Im Song heißt es: “Ich hoffe, daß die Welt der Zukunft nur über uns lacht und die Menschheit von morgen nicht die gleichen Fehler macht. Doch die Gegenwart hat die Zukunft längst abgestellt und es berührt mich einfach nichts mehr auf dieser Welt.” Hallo, hier spricht Welle: Erdball. Der monotone Sound, die Klangstruktur und die Lyrics, das klingt alles sehr angenehm vertraut.
Es folgt der ältere Song “Klaustrophobie”, der z.B. bereits auf der 8. Ausgabe der erfolgreichen Sampler-Reihe “Advanced Electronics” vertreten war. Mit seinen harten Beats, dem Retro-Sound und den intensiv vorgetragenen Vocals von Lichtgestalt Plastique zielt dieses Stück gekonnt auf Tanzbarkeit und Clubeinsatz. Sehr düster und kalt präsentiert sich der Song “Nemesis”. Hier unterscheiden sich homo~futura erstmalig gänzlich von der Gude-Laune-Mucke Welle: Erdballs. Die finsteren Lyrics, die mit passender dunklen Stimme intoniert werden, passen zum höchst interessanten Experimental-Klangbild, das streckenweise etwas nach den alten Das Ich klingt.
Der Titeltrack “Der neue Mensch” klingt wiederum sowohl musikalisch als auch gesanglich sehr deutlich nach Welle: Erdball. Die Lyrics sind provokant, Honey besingt die neue Welt und die Erschaffung des neuen Menschen. Themen, die wir vom Kosmos der Hauptband her kennen. Plastique bleibt hier etwas im Hintergrund, steuert lediglich warme Backgroundstimmen bei und überläßt Honey – Verzeihung – Dr. Georg Linde vollends den Vortritt.
Dieser Wiedererkennungs-Effekt drängt sich auch bei dem genialen “Links-Rechts” auf. Ein Song, der wahrscheinlich die zukünftige Hymne jeder Fahrschule sein wird, weist er doch inhaltlich auf die Gefahren im Straßenverkehr hin. Ein garantierter Ohrwurm, der das nötige Tempo mitbringt, um für volle Tanzflächen zu sorgen. Dieser Track ist ebenfalls nicht neu, geht mit seinen harten Bassbeats und Plastiques bezaubernder Stimme ordentlich gegen und ist als einer der wichtigsten Songs des Abums zu nennen. Vom Klangbild her würde dieses Lied auch ganz wunderbar auf der Welle: Erdball Platte “Chaos Total” passen. Ihr merkt also schon, wer mit der minimalistischen Retro-Eleltronik Welle: Erdballs etwas anzufangen weiß, der wird das neue homo~futura-Album lieben. Zu “Links-Rechts” produzierte die Band auch einen schnuckeligen Videoclip, den ihr euch weiter unten anschauen könnt. Alleine das vo Honey bewegte Stoff-Eichhörnchen ist Rock´n´Roll. Wir warnen an dieser Stelle ausdrücklich vor diesem Stück! Die Gefahr, durch dieses Lied infiziert zu werden, ist außerordentlich hoch. Dieser ohne Schnörkel produzierte Track, der sofort zur Sache kommt, ist Ohne Zweifel die stärkste Nummer des Albums!
Wer vom 80´s Feeling nicht genug bekommen kann, der wird hier durch “Unbewegt” befriedigt. Dieses sechste Stück auf dem Album gehört neben “Links-Rechts” zu den besten Tracks auf “Der neue Mensch”. Fans der Neuen Deutschen Welle werden hier lauthals jubeln. Der Titel wirkt deutlich wärmer als die voherigen Stücke und überzeugt durch seine Melodieführung sowie seinen Ohrwurmcharakter und ist unser zweiter Anspieltip auf “Der Neue Mensch”.
Analog des Titeltracks deutet auch bei “Wir schreien” vieles darauf hin, um was für es Seitenprojekt es sich hierbei handelt. Der düster gehaltene Song über eine Vergewaltigung an einer Frau macht durch eine bassbetonte Melodie, Honeys energischen Vocals und den Einsatz von sehr deutlichen deutschsprachigen Worten auf sich aufmerksam.
Beim ebenfalls bereits etablierten “ICH-Komplex” dominieren Plastiques verzerrte Vocals und die krassen Lyrics, welche durch den sehr experimentellen und rhythmusbetonten Beat eine deutliche Sprache sprechen. Dieser Track fällt so ein bißchen aus dem Rahmen, da hier die minimalistische Seite am prägnantesten gefahren wird, kaum Melodie vorherrscht und tatsächlich bis zum Ende einzig und allein auf verzerrte Stimmen Wert gelegt wurde.
Immerhin wird auf diesem Album Abwechslung großgeschrieben, denn schon beim direkt darauffogenden Song “Die Mann-Maschine” hören wir wieder die zuckersüße (unverzerrte) Stimme Plastiques, die erneut von harten Klängen und einer abermals Welle-typischen Melodie durch den Song hinweg begleitet wird. Trotz “Utz-utz-utz-Effekt” weiß der Song lyrisch zu überzeugen und paßt perfekt ins Konzept des Albums um die Neuerfinung eines homo sapiens hinein.
“A.M.O.K.” ist das fragwürdigste Stück auf “Der Neue Mensch” und paßt irgendwie auch nicht so richtig auf dieser Platte. Durch das Einstreuen von Nachrichten-Samples wird hier der Amoklauf von Winnenden durch den Massenmörder Tim K. beschrieben. Musikalisch ebenfalls recht belanglos und inhaltlich wie thematisch am Rande des guten Geschmacks, handelt es sich hierbei um den schwächsten Titel des ansonsten gelungenen Albums, was die Band sich hätte sparen können.
“Komm in mein Labor” ist für Liebhaber klassischer Gruselhörspiele der Firma EUROPA von H.G. Francis sowie für Fans von s/w-Gruselfilmen (na klar: Mary Shelleys “Frankenstein”) ein echter Leckerbissen. Es wird berichtet, wie der Protagonist sich aus den verschiedensten Versatzstücken wichtiger Figuren der Geschichte einen neuen, den perfekten Menschen baut. Da werden von Bette Davis die Augen entnommen, von Jesus die Vision, von Einstein das Gehirn und – oh oh – von Hitler den Ehrgeiz, gleichzeitig aber von Gandhi die Konsequenz. Der hohe Nostalgiefaktor und die nach vorne treibende Dynamik gepaart mit einer eingängigen Melodie machen dieses Stück zu einem namhaften homo~futura-Vertreter mit hohem Wiedererkennungswert.
“Isidor” dreht die eingeschlagene Richtung wieder um 180 Grad und kann mit Eingängigkeit und Melodie nichts anfangen. Ähnlich verhält es sich bei “Das Tourette-Syndrom”, dem einzigen instrumentalen Song auf dieser Scheibe. Avantgardistisch und experimentell geht es hier zur Sache. Vom Arrangement her könnte man Parallelen zu Blixa Bargeld und den Einstürzenden Neubauten feststellen, wenn man etwas Phantasie mitbringt.
“Geile Tiere” zum Abschluß bringt es noch einmal trefflich auf den Punkt: “Alle sind sie geile Tiere, nur vom Vögeln wird gequatscht.” Amen!
Das erste Album von homo~futura ist zweifelsohne zu empfehlen, allerdings sind es vor allem die Stücke, die eher nach Welle: Erdball klingen als nach einem neuen, eigenständigen Projekt. Man mag es der Band nicht verübeln, hier nach dem Flop von Das Präparat auf Nummer sicher zu gehen, um vor allem den Hörerclub (die Hardcore-Welle-Fans) auf ihre Seite zu bekommen. Der Aufkleber auf dem Cover unterstützt diese Vermutung. Für ein Debütalbum ist das aber auch völlig ok, vor allem wenn sich solche Hits wie “Links-Rechts” oder “Die Mann-Maschine” auf diesem Silberling befinden. Bis auf ganz wenige Ausnahmen (“A.M.O.K”) eine geile Retro-Platte, die Lust auf mehr macht. Bei Album Nummer 2 sollte aber etwas mehr Eigenständigkeit vorherrschen.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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Videoclip
Tourdaten
- 13.06.11 | Leipzig | Moritzbastei (im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens)
- 09.09.11 | Kaiserslautern | Kammgarn
- 10.09.11 | Berlin | K17








