Tagein, tagaus überschlagen sich die Medien mit Meldungen, die den Empfänger ein ums andere mal mit einem Gefühl zurücklassen, das mit ‘Zweifel an dieser unserer Welt’ noch ziemlich wohlwollend umschrieben ist. Im Prinzip wartet man ja schon förmlich darauf, was heute im aktuellen Tagesgeschehen wieder einmal gewaltig neben der Spur laufen wird. “WTF?!” – mehr fällt einem da oft genug nicht mehr ein. Den Jungens und Mädels von KMFDM geht es scheinbar ähnlich. Niemals um eine klare Ansage verlegen, trägt ihr inzwischen 17. Studioalbum auch exakt diesen prägnanten Titel. Und neben dem üblich politisch motiviertem Rundumschlag gibt es auch gleich für die Mitbewerber einmal mehr den Knüppel zwischen die Beine.
Bereits seit 1984 sind Käpt’n K und seine irgendwie revolutionär veranlagte Truppe im Geschäft. Viele Bands sind in der Zeit gekommen und (manchmal erfreulicherweise) auch wieder von der Bildfläche verschwunden. Und auch in der Bandhistorie von KFMDM finden sich Trennungen, Besetzungswechsel, gar von Auflösung ist dort zu lesen. Und doch: irgendwie waren sie immer und werden scheinbar auch immer sein. Zu viele Denkmäler haben sie in der Musiklandschaft hinterlassen. Die Frage, die sich stellt, ist eigentlich gar keine: schaffen es KMFDM mit “WTF?!” einmal mehr zu zeigen, wo Thor seinen Hammer zu hängen hat? Ja. Verflucht noch mal, ja!
Industriell rockende Mucke mit elektronischen Beats (und anderen Spielereien) zu verzieren ist ja seit geraumer Zeit ganz groß in Mode. Anstatt aber mit Innovationen zu punkten oder dem eigenen Tun wenigstens ein eigenes Gesicht zu verpassen beschränken sich viele Bands einfach darauf, schlicht so zu klingen wie der gesamte Rest. Klar, finanziell mag das funktionieren. Aber ist es nicht manchmal schön, wenn der Anspruch einer Band über eine dicke Geldbörse (und Hose!) hinaus geht? Wenn man neben klischeetriefenden Gesäusel, das meist nicht über das Niveau von Tagebucheinträgen von Drittklässlern hinausgeht, vielleicht auch noch mal was zu sagen hat? Sich eine Message in all dem vermeintlichen Krach verbirgt, die beispielsweise über das Gesabber gekränkter Egos brusthaartoupettragender Glatzköpfe oder das R rollender, an Gigantomanie erkrankter Berliner hinausgeht?
Dass unsere Welt den Bach runtergeht, haben KMFDM seit geraumer Zeit verstanden. Und daher finden sich auch immer wieder (mal mehr, mal weniger) wütende Anklagen den Umständen unserer Zeit gegenüber in der Musik wieder. Aktuelles Beispiel vom vorliegenden Tonträger gefällig? Bidde: Da gibt es diese Seite namens Wikileaks, die mit ihren Enthüllungen dafür sorgt, dass die Großen und Mächtigen dieser Welt aufgrund ihrer Verfehlungen immer wieder die Hosen runterlassen müssen. Dass das irgendwie unbequem und uncool ist für diejenigen, die dort angeprangert werden, liegt wohl in der Natur der Sache. Als dementsprechend die Jagd auf Wikileaks-Gallionsfigur Julian Assange eröffnet wurde, waren KMFDM zur Stelle und bastelten den Song “Rebels In Kontrol”, mit welchem sie offen mit Wikileaks sympathisierten. Mal ehrlich, Freunde: welche andere, kommerziell erfolgreiche Band kennt Ihr, die so deutlich Position zu diesem oder jenem Ereignis Stellung bezieht? Und nein, ich meine damit nicht diese albernen Songs, die mal eingespielt werden, um bei einer Katastrophe ein paar Taler zu Spendenzwecken einzuspielen. Eigentlich auch totaer Quatsch, da es den Leuten, die sich zu solchen Aktionen hinreissen lassen, ja eigentlich für gewöhnlich selbst nicht am nötigen Kleingeld mangelt, um hier und da irgendwas bewegen zu können – oder es wenigstens zu versuchen. Ein klassisches WTF! Da haben wir es mal wieder…
Von der überzeugenden, lobens- und nachahmenswerten Einstellung KMFDMs abgesehen ist es auch der fette, brachiale, irgendwie alles plattwalzende Sound der Band, der hier gefällt. Die Single “Krank”, bekanntlich ja die erste seit immerhin 9 Jahren, war schon eine mächtige Kampfansage mit jeder Menge Potential für die totale Clubherrschaft. Erfreulicherweise finden sich auf “WTF?!” aber noch etliche andere Kracher. Hervorgehoben sei hier das bereits erwähnte “Rebels In Kontrol”, das nach wie vor zu den größten Momenten in der an Highlights wohl nicht armen Geschichte der Band gezählt werden kann und muss. Erfreulich an “WTF?!” ist übrigens auch der recht hohe Gesangsanteil von Lichtgestalt Lucia, die vor allem auf dem ziemlich elektronisch groovenden “Take It Like A Man” gefällt. Wenn sich die bereits genannten Tracks so langsam aber sicher in den Clubs totgelaufen haben, wäre das der nächste Asprirant. Ebenfalls ziemlich cool: Das in spanischer Sprache vorgetragene “Panzerfaust”. Und wenn das als Überzeungsarbeit immer noch nicht reicht, nehmen wir halt noch mal Lucia und ihrer “Amnesia”, nicht weniger clubtauglich als ihr anderer, großer Moment auf dieser Scheibe.
Überhaupt ist es ziemlich erstaunlich und beeindruckend, wie eine Band, die seit weit mehr als 20 Jahren bei oberflächlicher Betrachtung irgendwie immer die gleiche Mucke macht, es immer und immer wieder schafft, neue Seiten ans Licht zu fördern. So auch diesmal. Mächtig, gewaltig, brachial und doch mit mehr Fingerspitzengefühl und der Finesse von Könnern konstruiert als vieles von dem, was aus anderen Lagern kommt. In Sachen Industrial-Rock wird KMFDM in diesem Jahr jedenfalls nichts mehr das Wasser reichen können. Guck nicht so, is’ so!
Es fehlt nicht mehr viel und KMFDM sind seit 30 Jahren im Geschäft. Es passiert nicht selten, dass Bands, die über einen derart langen Zeitraum aktiv sind, zu stumpf(sinnig)en Kopien ihrer selbst werden. Nicht so bei KMFDM: irgendwie schaffen es Käpt’n K und seine Leute, auch nach so langer Zeit und so vielen Alben immer wieder mit einem frischen, dennoch unverwechselbaren Sound an den Start zu gehen. Die Industrial-Rock-Variante, wie sie aus dem Hause KMFDM kommt, nutzt sich scheinbar einfach nicht ab. Daher ist “WTF?!” nicht nur eine klare Empfehlung für alle, denen dieses ewig gleich klingende Electro-Rock-Gedudel unserer Tage so langsam aber sicher das kalte Kotzen beschert, sondern auch eine fette Kampfansage an all die Trittbrettfahrer und Im-Fahrwasser-Mitschwimmer da draußen. An die Seite, ihr Kinder und zurück auf den Spielplatz. Hier kommen die großen Jungs. Und für euch heißt es dann: “WTF?!”. Hasta la victoria siempre!
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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