Wenn jemand 15 Jahre benötigt, um ein Nachfolgewerk zu einem Debütalbum auf die Beine zu stellen, dann könnte man natürlich her gehen und sich fragen: “Wayne? Welcher Hahn soll denn bitte nach einer derart langen Zeit noch vor Begeisterung krähen?”. Richtig, könnte man. Wenn es sich bei diesem jemand allerdings um Tim SKOLD handelt, sollte man diese eventuell vorhandene Denke noch einmal hinterfragen. Unbedingt! Denn Herr Skold ist nicht irgendwer und sein neues Album “Anomie” nicht irgendwas.
“Anomie”, der Name ist hier geradzu Programm, bezeichnet er doch einen Zustand schwacher sozialer Normen, Regeln und Ordnungen, mitunter auch das Brechen (religiöser) Gesetze. Im übertragenen Sinne lässt sich diese Umschreibung auch auf das vorliegende Album anwenden, an dem Tim Skold in den letzten drei Jahre in scheinbar in aller Ruhe gefrickelt hat. Wenn es einen Gott oder ein Regelwerk gibt, das den durchschnittlichen Rahmen von Rockmusik irgendwie definiert, dann wird Skold hier quasi “anomisch”, winkt mit dem ausgestreckten Mittelfinger und zieht hier ein ganz eigenes Ding durch. Aus irgendeinem Grunde muss ich gerade an Burgess’ “A Clockwork Orange” denken. Nur eben mit weniger auf die Fresse kriegen. Wobei… hmmm… ;)
Wie auch immer: konsequentes Vorgehen für bzw. von jemanden, der beispielsweise einem Marilyn Manson seine größten Momente beschert hat. Oder sehr ertragreich mit KMFDM kollaborierte. Beim Hören von Skolds “Anomie” wird sehr schnell deutlich, wer bei diesem oder jenem Machwerk vergangener Tage die eigentliche kreativ-treibende Kraft gewesen sein dürfte. “Anomie” ist ein mit so viel Sachverstand, Liebe zum Detail und der Finesse eines echten Könners entstandenes Rockalbum geworden, dass jedem Anhänger dieser Musikrichtung die Freude warm am Bein herunterlaufen dürfte. Wie schon gesagt: Herr Skold schert sich einen feuchten Kehricht um das, was man von ihm vielleicht erwartet hat bzw. erwarten könnte – und macht einfach mal, ohne dass ihm irgendein Figürchen im Nacken sitzt, dessen Name groß auf dem Albumcover aufgedruckt wird und was demzufolge eigene Vorstellungen durchdrücken will. Auf Brechen und Biegen. Was zur Folge hat, dass dieses Album sehr abwechslungsreich und extrem cool daherkommt. Ob nun Ausflüge in Richtung Metal (“Angel Of Noise”) oder Blues-Rock (“The Hunger”), das übrigens klingt als hätte es auch gut auf Mansons “Eat Me, Drink Me” stattfinden können, das stampfende “Black Out”, das auch Nine Inch Nails zur Ehre gereicht hätte oder die überraschend elektronisch ausstaffierten “Becoming” (Schwermut deluxe!) bzw. das treibende “Tonight” – wenn man sich bei “Anomie” auf eines verlassen kann, dann darauf, dass man definitiv nicht vorhersagen kann, womit Herr Skold seine Hörer beim nächsten Track zu überraschen vermag. Ohne Regeln, Normen oder – in diesem Fall – Rücksicht. Fröhlich frei von der Leber weg wird hier ein Geschütz aufgefahren, das mit fetten Bässen auf das Trommelfell der Hörerschaft feuert. Verpackt in endgeile Soundkulissen quasi, welche die einzigartige Handschrift Skolds tragen. Also irgendwie doch mitten in die Fresse. Und seien es nur die der ideenlosen Mitbewerber, die den Markt mit belanglosem Gedudel überfluten.
In der Wikipedia heißt es zum Thema “Anomie” übrigens: “Aufgrund von Gesetz- und Regellosigkeit sei dann die gesellschaftliche Integration nicht länger gewährleistet.” – ich denke, Ihr könnt Euch vorstellen, dass sich das Thema “Anomie” auch entsprechend in den Texten wiederfindet. Mit der gleichen Lässigkeit wie im Sound rotzt Skold hier eine faszinierende “ihr könnt mich doch alle mal”-Attitüde in die Welt, dennoch schwingt immer unterschwellig eine Art Verzweiflung, mitunter auch Wut mit. Und schon wieder muss ich an “Clockwork Orange” denken, wenn auch hier nicht das (soziale) Umfeld zum Spielball wie auch immer gearteter Gelüste wird, sondern das eigene Ich. Oder eben Skolds. Rock ‘n’ Roll’s not suicide, it’s life support?
Meine sehr verehrten Damen und Herren Droogs, solltet Ihr in diesem Jahr nur eine Rockscheibe kaufen wollen oder können, dann ist Skolds “Anomie” die unbedingte CD der Stunde. Mehr Abwechslung, mehr Leidenschaft, Können und so supergeile Soundkulissen wie hier wird man wohl in diesem Jahr möglicherweise sonst nicht mehr serviert bekommen! Bleibt zu hoffen, dass Skolds Alleingang entsprechender Erfolg vergönnt ist und der Schwede wieder Gefallen daran gefunden hat, seine Talente mal ausschließlich für sich selbst einzusetzen und nicht weiter unter der Flagge anderer Künstler zu segeln. Noch mal 15 Jahre warten wäre jedenfalls uncool. Rock ‘n’ Roll’s not suicide, it’s life support!
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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