Inglourious_BasterdsLange hat Quentin Tarantino an seinem Drehbuch zu „Inglourious Basterds“ (die Rechtschreibfehler sind bewußt gewählt) gesessen. Nun ist der Film endlich fertig und lief, nachdem er um ein paar Wochen nach hinten verschoben worden ist, am 20. August bundesweit in den Kinos an.

Die Story in Kürze: Im von den Nazis besetzten Frankreich des Jahres 1944 muß das jüdische Mädchen Shosanna mit eigenen Augen mit ansehen, wie „Judenjäger“ Hans Landa (gigantisch: Christoph Waltz) ihre ganze Familie ermordet, nachdem er auf hinterfotzigste Art ihren Beschützer, der die Familie im Keller verschanzt hat, zum Verrat gezwungen hat.
Shosanna kann gerade noch rechtzeitg entkommen und flüchtet nach Paris, wo sie später ein Kino eröffnen wird.
Szenenwechsel: Brad Pitt führt als Offizier Aldo Raine eine Gruppe von jüdischen Soldaten (u.a. Til Schweiger) an, die sich darauf spezialisiert haben, Nazis zu killen. Diese Truppe ist den Deutschen bereits ein Begriff und dort als „Die Bastarde“ bekannt. Diese jüdische Spezialeinheit wird nun nach Frankreich abgesetzt und nimmt Kontakt zu der deutschen Schauspielerin und Geheimagentin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) auf.
Ihr gemeinsamer Plan ist es, die oberste Nazi-Riege ein für allemal auszuschalten.
Und wie der Zufall es so will, finden sich Hitler, Goebbels, Göring & Co alle gemeinsam in Shosannas Kino ein, um dem Film vom deutschen Vorzeige-Scharfschützen Frederick Zoller (Daniel Brühl) Tribut zu zollen. Ein gefundenes Fressen für die „unrühmlichen Bastarde“. Doch Kinobesitzerin Shosanna hat längst eigene Pläne geschmiedet, denen sie sich spätestens dann sicher ist, als Hans Landa ihr Kino betritt…

Bemerkenswert an Tarantinos neuem Film ist, daß er außer Brad Pitt nahezu keine Hollywood-Stars (Diane Kruger zähl ich dank ihres nicht vorhandenen Talentes einfach mal nicht dazu) engagiert hat. Und das ist auch gut so, denn in diesem doch sehr europäischen Film, der z.T. eine Hommage an den deutschen Film ist, ist es nicht verwundenswert, so viele deutschsprachige Schauspieler wie nur möglich einzusetzen. Allen voran ist es hier Christoph Waltz als Hans Landa, der die Arschlochrolle absolut genial ausfüllt. Seine Mimik und allgemeine Körpersprache sind definitiv als oscarreif zu bezeichnen. In den Dialogszenen mit Aldo Raine spielt Waltz Brad Pitt ganz locker an die Wand. Daß der Schauspieler diese Rolle so exzellent ausführt ist ein ganz wesentlicher Pluspunkt des Films. Allein schon die völlig in die Länge gezogene Anfangsszene, die an die guten alten Leone-Western erinnert, gehört mit zum Besten, was der ganze Film zu bieten hat. Ob die Academy tatsächlich einem Österreicher für die gute Leistung eines Nazischergen mit dem bekanntesten Award der Welt belohnt, darf bezweifelt werden. Verdient hätte er es aber in jedem Fall!
Aber auch die deutschen August Diehl, Daniel Brühl, Christian Berkel oder gar Til Schweiger machen eine ausgezeichnete Figur. Tarantino selbst war total überrascht, daß wir so gute Darsteller haben. Bleibt für alle Beteiligten zu hoffen, daß möglichst viele Filmemacher den neuen Tarantino-Film anschauen. Martin Wuttke als Hitler und Sylvester Groth als Goebbels machen ihre Sache ordentlich, man hat aber schon bessere Darsteller dieser Monster gesehen. Das macht allerdings überhaupt nichts, denn die Nazi-Oberhäuptlinge spielen im Film ausnahmsweise mal nicht die erste Geige. Die Charaktere, auf die es v.a. ankommt, sind perfekt besetzt – mit Ausnahme der weiblichen Verräterin Bridget von Hammersmark alias Diane Kruger. Daß die gute Frau keine herausragende Schauspielerin ist, hat sie schon mehrfach unter Beweis gestellt. Daß sie sich in den deutschen Fassungen aber auch noch unbedingt immer selbst synchronisieren muß, ist eindeutig als fragwürdig zu bezeichnen und nervt nicht erst seit diesem Film. Frau Kruger versteht es einfach nicht ordentlich zu betonen, eine saubere Aussprache an den Tag zu legen und in der entsprechenden Lautstärke ins Mikro zu nuscheln. Wenn sie sich mit Tobias Meister (Synchronstimme Brad Pitt) unterhält, wirkt das alles brachial amateurhaft. Ihre Mimiken stimmen, aber sobald sie das Maul aufmacht, ist´s vorbei mit der Freude.

Wer den Trailer bereits seit Januar 2009 in den Kinos gesehen hat, der hat vielleicht eine weitere Splatterorgie von Tarantino erwartet. Doch dem ist (leider?) nicht so. Die wie immer von der KNB Effects-Gruppe perfekt inszenierten Bluteffekte sind in dem zweieinhalbstündigen Film extrem rar gesät. Wenn sie jedoch kommen, dann richtig. Die Skalpierungen könnten so auch ihren Weg ins nächste „Saw“-Sequel finden. Zwar wäre hier etwas Abwechslung in der Nazidezimierung nett gewesen, aber da der Film sich in erster Linie auf die Handlung, ihre Charaktere und damit auf die tarantinoesken kultigen Dialogszenen konzentriert, ist das kein Grund zur Kritik.

Daß Quentin Tarantino generell dem deutschen Kino etwas abgewinnen kann, hat er in Interviews stets betont, in dem er v.a. die Edgar Wallace-Streifen lobte. Wenn die „Bastards“ in gemütlicher Trinklaune das bekannte „Blättchen-Spiel“ spielen, bei dem jeder Mitspieler ein Blatt Papier auf der Stirn mit einem Namen kleben hat, den es gilt zu erraten, verwundert es auch nicht, daß eben jener englische Krimiautor auf diese Weise seinen Platz im Film gefunden hat.
Verweise auf das europäische B-Movie-Kino hat es bei Tarantino schon immer gegeben, v.a. seine Liebe zum Italo-Film der 70er und 80er frönt er immer und immer wieder mit charmanten Anspielungen und Hommagen. Da wäre hier einerseits der italienische Regisseur Enzo G. Castellari, der einen Cameo-Auftritt hat (spielt sich selbst). Castellari inszenierte 1978 den Film „Ein Haufen verwegener Hunde“, den originalen „Inglorious Bastards“ also, dem Tarantino hier ein frei interpretiertes Remake gönnt. Einer der Hauptdarsteller im 78er Original war Bo Svenson, der bereits mit Tarantino in „Kill Bill Vol. 2“ zusammenarbeitete und nun nochmals als amerikanischer Colonel in Erscheinung treten durfte.
Eine Art Tradition von Quentin ist es, dem italienischen Horrorfilm Tribut zu zollen. Zitierte er in „Kill Bill Vol. 1“ vor allem Lucio Fulcis „Glockenseil“, so gibt es hier ebenfalls einen kleinen Augenzwinker an die guten alten Zombiestreifen: Den Hauptdarsteller in Umberto Lenzis „Großangriff der Zombies“ spielte Hugo Stieglitz – so lautet Til Schweigers Charaktername in „Inglourious Basterds“. Wenn sich die Protagonisten im Film mit italienischen Decknamen tarnen müssen, wählt einer von ihnen den Namen Antonio Margheriti. Ebenfalls kein Zufall: Margheriti war ebenfalls im Italo-Kino zu Hause und trat als Regisseur vorrangig unter dem Pseudonym Anthony M. Dawson in Erscheinung. Auf sein Konto gingen Filme wie „Jäger der Apokalypse“ mit David Warbeck oder „Ashpalt Kannibalen“ mit John Saxon.
Aber nicht nur den guten alten Zeiten widmet Tarantino seine Zeit. Skurrile Auftritte von Darstellern, die man in dieser Art Film erstmal nicht vermutet hätte, finden genauso statt. So läuft in dem Film Comedian Mike Myers als General durchs Bild (siehe Trailer/Synchronstimme Oliver Rohrbeck). Ganz ohne alberne Grimassen… kuhl!

Zur Kameraarbeit ist zu sagen, daß hier glücklicherweise sehr altmodisch gearbeitet wurde. Alleine in der eingangs erwähnten Anfangsszene gibt es eine Einstellung, die komplett an einem Stück gedreht worden ist – ohne nur einen Schnitt. Absolut brilliante Inszenierung, an die sich heutzutage leider nur noch sehr wenige Filmemacher halten. Hauptsache so viele Schnitte wie möglich, dazu Wackelkamera und Shutter-Effekte – so lautet meistens die Devise im heutigen Hollywood. Egal ob das überhaupt jemand sehen will oder nicht… So etwas wird es bei Tarantino niemals geben, denn er weiß genau, auf was es im Kino eigentlich ankommt: das Geschehen auf der Leinwand miterleben zu können. Das geht in den seltensten Fällen durch einen Stakkato-Schnitt. Schaut euch die ersten fünf Minuten des Filmes an, dann wißt ihr, wovon hier die Rede ist.

Der Soundtrack ist wie man es gewohnt ist, ein Sammelsurium an klassischen Filmmelodien. Da sind bekannte Western-Themen von Maestro Ennio Morricone ebenso vertreten wie ein instrumentaler Beitrag von Charles Bernstein, „Cat People“ von David Bowie oder – passend klassisch deutsch – Zarah Leander mit „Davon geht die Welt nicht unter“.

Lediglich das Grande Finale im Kino hätte Hollywoods Lieblings-Enfant-Terrible etwas größer ausschmücken dürfen. Der Film endet doch recht… rasch. Bei einer so langen Spielzeit wirkt das Ende daher leider etwas abgehackt. Das wäre wahrscheinlich der einzige Kritikpunkt, den man neben Diane Kruger anbringen könnte, wenn man es denn wollte.
Ansonsten kann man sich auf einen aberwitzigen, makabren Rachefeldzug der jüdischen Nazikillertruppe freuen, die mit Wortwitz und ordentlich Feuer im Hintern auf ihre ganz spezielle Weise für den Untergang des Dritten Reiches verantwortlich zeichnet.

avatar11_1Nicht jeder konnte mit dem unterschätzten Grindhouse B-Movie „Death Proof“ etwas anfangen. Viele schrieben Tarantino ab, hielten ihn für brutal überschätzt. All diesen bösen Zungen spuckt der wohl bekannteste Filmfan der Welt ordentlich ins Gesicht mit „Inglourious Basterds“, der im Gegensatz zu anderen, groß angekündigten Megablockbustern (T4), wirklich das gehalten hat, was er versprach. Lustig, brutal, skurril, überzogen, europäisch, einzigartig, tarantinoesk. Ob´s für den Film des Jahres reicht, wird sich zeigen. Ein ganz heißer Anwärter ist er in jedem Fall! Ein absolutes Must-see!!!


Wertung

Inhalt Darsteller Special Effects Ausstattung Soundtrack Kultfaktor Gesamt

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