1980 erschien ein vor allen Dingen in Deutschland sehr berüchtigter Rape & Revenge-Film vom US-amerikanischen Regisseur Charles Kaufman, dem Bruder des Trashlabels Troma Pictures Lloyd Kaufman. Eigentlich als Satire angesehen, aber als solche nie in Deutschland verstanden, wurde „MUTTERTAG“ 1984 bis heute als einzige Troma-Produktion („The Toxic Avenger“, „Class of Nuke ´Em High“) bundesweit wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt. Seitdem ist der Streifen sehr gesucht und genießt bei den Horror-Fans einen gewissen Kultstatus. Als zu lesen war, dass die Remake-Welle auch vor diesem Juwel des Independent-Films keinen Bogen machen würde, war die Aufregung entsprechend groß. Wie hieß es doch gleich in „Scream 4“? „Leg dich nicht mit dem Original an!“ Andererseits konnten die Neuverfilmungen der ähnlich gelagerten Filme „The Last House on the Left“ und „I spit on your Grave“ mehr als überzeugen. Letzterer schlägt sogar das Original um Längen (wir berichteten)! Und wenn sich schon ein gewisser Darren Lynn Bousman, seines Zeichens Regisseur der Teile II-IV der „Saw“-Reihe, anschickte, um „MOTHER´S DAY“ neues Leben einzuhauchen, dann könnte ja vielleicht doch etwas draus werden…
Die Story: Der Film beginnt mit einer Exposition: wir befinden uns in einem Krankenhaus und erleben, wie eine Frau ein Baby entführt und dabei der Krankenhauswärter brutal durch die Hände eines Komplizen getötet wird. Anschließend folgt die Einblendung des Titels…
Cut und Szenenwechsel: Beth und Daniel Sohapi (ein Prosit auf den Drehbuchautor für die Erfindung dieses Nachnamens! LOL) sind eine Patchwork-Familie und haben vor zwei Monaten ein neues Haus gekauft, indem gerade eine Party mit mehreren Bekannten und Freunden stattfindet. Es wird ausgelassen gefeiert und getrunken („Wir campen im Keller, essen Popcorn und gucken uns „Tanz der Teufel“ oder „Toy Story“ an“). Plötzlich brechen drei Männer ins Haus ein, die einen Verletzten dabei haben. Diese drei Männer haben zusammen mit ihrer Mutter mal in diesem Haus gewohnt und wissen nichts von der Zwangsvollstreckung der ehemaligen vier Wände, woraufhin einer der beiden ihre Schwester Lydia anruft, welche wiederum kurze Zeit später zusammen mit ihrer Mutter (großartig: Rebecca de Mornay) ebenfalls in dem Haus eintrifft.
Ike und Addley, so die Namen von zwei der drei Brüder, nehmen indessen die Partygäste als Geißel. Durch einen Bericht im Fernsehen erfährt der Zuschauer, dass es sich bei den Männern um Bankräuber handelt. Einer der Gäste entpuppt sich als Arzt und wird von Ike und Addley gezwungen, dem verletzten Bruder Johnny zu helfen.
Die Mutter, zunächst sehr zuvorkommend und hilfsbereit, fordert Beth und die anderen auf, ihr zu sagen, wo sich die 10.000 Dollar befinden, die ihre Brüder versucht haben, ihr zukommen zu lassen. Als diese Frage nicht erwartungsgemäß beantwortet werden kann, eskaliert die Situation und die Mutter zeigt ihr wahres Gesicht…
Die Kinder haben alle einen Sockenschuß, der aber nicht von ungefähr kommt, wie sich sehr gut am Beispiel der Tochter Lydia erkennen lässt: Die Mutter hat in all den Jahren dafür gesorgt, dass die Tochter niemals freizügig umherläuft, indem sie ihr vorgaukelte, sie habe eine Hautkrankheit. Außerdem waren die Kinder nie in der Schule, sie wurden stattdessen von ihrer Mutter selbst zu Hause unterrichtet. Deshalb hatte Lydia auch keinerlei Erfahrungen mit Jungs sammeln können, sodaß sich ihre Mutter keine Sorgen zu machen braucht, dass ihre Tochter bald flügge wird und sie ihr Kind quasi verlieren könnte. Die Kinder leben sozusagen nur für das Wohlergehen ihrer Mutter, die diesen Umstand völlig für ihre eigenen Zwecke auszunutzen vermag. Dem Arzt George gelingt es jedoch, das Vertrauen in Lydia zu wecken, indem er ihr erklärt, dass sie keine Hautkrankheit habe und ihre Mutter sie nur belüge, worauf das Mädchen langsam skeptisch wird. So kommt es, dass sie auch nicht mehr an „Queenie“ glaubt, die angeblich im Wald leben und die Kinder bestrafen soll, wenn diese unartig gewesen sind.
Ike und Beth machen derweil ein paar Besorgungen mit dem Auto. Einer der Mädels wurde zuvor dummerweise umgebracht, da sie zu „impulsiv wurde“, wie die Mutter es formuliert und soll entsorgt werden. Hierbei streut Bousman gekonnt Humor (der nicht zu selten im Film vorkommt, was ihm gut tut und die Brutalität auflockert) in den insgesamt sehr fiesen Terrorfilm ein. Auch als Beth und Ike am Bankautomaten stehen, müssen zwei Mädels dran glauben, die aufmüpfig drängeln und frech werden. Das Krasse an der Sache ist, dass die Art und Weise nicht auf konventionelle Art erledigt wird, indem der Bankräuber die beiden einfach über den Haufen ballert, sondern dass er ihnen ein Messer vor die Füße legt und 30 Sekunden Zeit gibt, sich zu entscheiden, wer wen umbringen „will“, um selbst überleben zu dürfen. Dies ist nur ein Beispiel für diverse Entscheidungen, die die Charaktere im Verlauf des Filmes zu treffen haben, um die eigene Haut zu retten. Der Film spielt sehr oft damit, Menschen in Situationen zu zeigen, die unmoralische Dinge tun müssen, um zu überleben. Frei nach dem Motto „Leben oder sterben… du musst wählen.“ Kennen wir irgendwoher, oder? Riiichtiiich, genau! Regisseur Bousman inzensierte wie gesagt „Saw II-IV“, was man ansonsten allerdings nicht immer bemerkt, da er gekonnt mit den Erwartungen des Zuschauers spielt und eben nicht nahezu jeden der Partygäste über die Klinge springen lässt, sondern durchaus den einen oder anderen verschont. Wenn jedoch Splattereinlagen ins Spiel kommen, dann richtig. Dabei ist „Mother´s Day“ in seinen Effekt-Einlagen wahrlich nicht zimperlich, aber nicht ganz so drastisch und explizit wie jüngst das starke „Ich spuck auf dein Grab“-Remake. Das erwartet aber auch niemand und so ist es umso verwunderlicher und erfreulicher zugleich, dass „Muttertag“ anno 2010 zwar niemals so sleazy ist wie das berüchtigte 30 Jahre ältere Original, mit dem er fast nichts zu tun hat. Dafür weist er aber keine Längen auf, die es im Kaufman-Film durchaus gegeben hatte. Bousman versteht es, stets die Spannung zu halten und die Gewalteinlagen genau in den richtigen Zeitabständen zu platzieren, die sich dann sogar richtig sehen lassen können und auf der Höhe der Hardcorewelle-Zeit liegen. Sehr erfreulich (und unverständlich zugleich) außerdem, dass dieser Film, bei dem Menschen geschändet, gequält und getötet werden und der außerdem noch ein hohes Maß an grafischer Gewalt mitbringt, ungeschadet durch die FSK-Prüfung kam und somit nicht nur in der Videothek, sondern auch im Handel frei ab 18 Jahren erhältlich ist!
Bousman spielt Moralapostel mit seinen Spielchen, die uns an die „Saw“-Reihe erinnern.
Die Mutter spielt Moralapostel, wenn es ums Kinderkriegen geht: „Ich würde nicht mehr so lange warten… Kinder lassen einen schneller altern als Drogen“, so De Mornays Charakter im Film. Damit will der Film mehr sein, als ein dreckiger, kleiner Psychoterror-Bastard. Ob ihm das immer gelingt oder ob das nur Mittel zum Zweck ist, um von der rohen Gewaltdarstellung abzulenken, solltet ihr selbst für euch entscheiden.
Rebecca De Mornay mimt die Mutter brilliant. Mal sehr zuvorkommend und charmant, indem sie z.B. jemandem das Toupée zurückgibt und sagt, dass er ohne dieses besser aussehe, oder wenn sie einer der Mädels zeigt, wie man em besten eine Eiskugel in eine Schale befördert.
Wenn diese jedoch erfährt, dass die 10.000 Dollar, die ihre Söhne an sie geschickt haben, nicht angekommen sind und sie der felsenfesten Überzeugung ist, die neuen Eigentümer hätten das Geld selbst behalten und versteckt, kann sie zur buchstäblichen Furie werden – und das wird sie. Als Instrumente nutzt sie dabei ihre Söhne, die in ihrem Willen ihren Zorn Ausdruck verleihen. Da werden z.B. Handknochen mit einer Billardkugel zertrümmert (Autschn!) oder – wie man im Vorfeld in einem Preview-Videoclip im Internet bereits sehen konnte – die Haare einer der Frauen angezündet. Als wenn das nicht schon genug der physischen Gewalt wäre, kommt auch der Psychoterror nicht zu kurz. Die Mutter sucht sich eine der Mädels aus, die ihrer Meinung nach gut genug ist, um den armen Johnny sexuell ein wenig aufzumuntern… Da der Film so gänzlich anders ist und einen völlig anderen Ton anschlägt, zieht man als Zuschauer eigentlich nie einen Vergleich mit der „alten“ Mutter Nancy Hendrickson. Rebecca De Mornay ist jedenfalls neben Sarah Butler aus „I spit on your Grave“ ein ganz heißer Kandidat für die MTV Scream Awards als beste Darstellerin!
Jaime King als Beth liefert ebenfalls gute Arbeit ab, ebenso Deborah Ann Woll als verhaltensgestörte Tochter Lydia. Der Rest des Casts spielt absolut solide. Die Brüder sind darauf ausgelegt, etwas „Overacting“ zu betreiben, sodaß man das Schauspiel der männlichen Arschlöcher nicht als Kritikpunkt bewerten sollte und wir daher die Darsteller als „gut“ bis „sehr gut“ einstufen möchten.
Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten zum Original „Mother´s Day“ von 1980? Ja, aber das sind nur ganz, ganz wenige, die im Prinzip so marginal sind, als dass man sie auch nicht unbedingt hätte bringen müssen. Neben den beiden Charakternamen der Söhne Ike und Addley (im Originalfilm gab es nur diese beiden Brüder) wurde noch die Idee mit dem Fernseher-auf-den-Kopf-schlagen übernommen sowie die Gewaltszene, in der einer der Söhne einen schmerzhaften Gegenstand in seinen Unterleib hineingerammt bekommt. Handelte es sich im Film von 1980 um einen Hammer, so entschied man sich 2010 für ein Messer. Die finstere Gestalt im Wald (in der Neuverfilmung „Queenie“ genannt) könnte durchaus als eine Anspielung auf die Schwester der Mutter im Originalfilm zu verstehen sein – erinnert euch an das Finale des ´80er Jahre „Muttertags“.
Ihr merkt vielleicht worauf der Rezensent hinaus will: Dieser verdammt geile Terror-Schocker braucht diesen berühmten Titel nicht, um überzeugen zu können. Würde der Film einen anderen Namen tragen, wäre er vielleicht noch ein Stück stärker, weil eigenständiger. Das gleiche Phänomen konnten wir im Jahr 2004 bereits beim exzellenten Remake von „Dawn of the Dead“ beobachten, der sich recht lose an Romeros „Zombie“ orientierte und oftmals eigene Wege ging.
Was gibt es sonst auszusetzen? Ebenfalls nicht viel. Daß ein über 100 Minuten langer Psychohorror-Streifen niemals langweilig wird, die Spannungskurve stets nach oben zeigt und auch die Schauspieler ihre Arbeit allesamt solide ableisten, ist alleine schon erwähnenswert und keinesfalls in dem Genre selbstverständlich. Toll ist dabei, dass Charles und Lloyd Kaufman einen kurzen Cameo-Auftritt bekommen haben.
Einzig die Idee der Rahmenhandlung, die in der Exposition angedeutet und am Ende aufgelöst wird, hätte man sich sparen können. Zum einen wird das Rätsel irgendwann vorhersehbar und zum anderen wird man den Verdacht nicht los, dass es sich hierbei um ein Hintertürchen für eine mögliche Fortsetzung handelt. Das war es dann aber auch schon mit den Nickelichkeiten. Ansonsten können wir nur den Daumen nach oben strecken und die in der Einleitung in den Raum gestellte Frage beantworten. Gratulation, Herr Bousman! Bravouröse Leistung. Auch „Muttertag“ reiht sich hinter „Last House on the Left“ und „I spit on your Grave“ in die Riege gelungener Neuverfilmungen ein. Wer hätte das gedacht?
„Mother´s Day (2010)“ ist kein Remake im eigentlichen Sinne, sondern eine völlig neuartige gelungene Interpretation des Ur-Themas der bösen Mutter mit ihren fiesen Söhnen, die unschuldige Twens quälen, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befinden. Nicht mehr und nicht weniger. Mit einem anderen Filmtitel würde der Streifen wie gesagt noch besser dastehen, als es ohnehin schon der Fall ist, aber das tut dem Filmvergnügen keinen Abbruch. Unbedingt angucken!
Wertung
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