Na nu, schon wieder was von Welle: Erdball? Die sind aber fleißig dieses Jahr. Allerdings! Nicht nur fleißig, sondern auch verdammt kreativ und – so wollen wir es ihnen gönnen – erfolgreich! Nach der superben homo~futura Platte „Der Neue Mensch“ schicken sich insgesamt 12 unterschiedliche Musiker an, eine Kollaboration zwischen WELLE: ERDBALL, DIE PERLEN, HERZINFARKT und SONNENBRANDT ins Leben zu rufen, die unter dem Bandnamen DIE FUNKHAUSGRUPPE am 24. Juni ihr Debüt-Album „Mono-Poly“, bestehend aus insgesamt 12 schicken Songs, veröffentlichen werden. Klingt verdammt interessant und spannend? Und ob! Einzelheiten erfahrt ihr in der folgenden Album-Rezension.
Der Anstoß zu dieser Künstler-Symbiose erfolgte beim traditionellen Welle: Erdball- Hörerclubtreffen 2007 in Sonneberg (Thüringen), wo alle vier Bands erstmalig gemeinsam auf der Bühne standen. Die Perlen und Welle: Erdball nahmen daraufhin im gleichen Jahr bereits einen Titel zusammen auf: „Wir hören mit“ erschien 2008 sowohl auf dem Album „Szenenwechsel“ von Die Perlen als auch auf der Welle-Single „Ich bin aus Plastik“ in einer anderen Version.
Fortan traf man sich in mehreren Städten: in Hamburg, Braunschweig, Nürnberg und im Welle: Erdball Tonstudio, dem namensgebenden Funkhaus, wo schon „Wir hören mit“ produziert wurde. Auch die Mitglieder der anderen Bands Hertzinfarkt und Sonnenbrandt waren allesamt gleichberechtigt an der Entstehung der weiteren Songs beteiligt. Dies macht auch das treffsichere Coverartwork mehr als deutlich, das sich an dem Gesellschaftsspiel Scrabble orientiert, bei dem der Begriff „Die Funkhausgruppe“ horizontal „gelegt wurde“, während die vier daran beteiligten Bandnamen waagerechet angelegt worden sind und damit allesamt gleichermaßen Teil eines Ganzen sind, bei dem keine Band extra hervorsticht. Auch der ansonsten gern benutzte Aufkleber, der auf ein Welle-Erdball-Seitenprojekt auf dem Cover hindeutet, um das noch unbekannte Projekt besser an den Mann zu bringen (siehe frührere Das Präparat oder jüngst homo~futura), ist nicht vorhanden!
Die Produktion ging sehr harmonisch, ja nahezu romantisch vonstatten. Laut Pressetext wurden beispielsweise in einem Raum mit der Gitarre einige Melodien eingespielt, währenddessen in einem anderen Zimmer mit Schlagzeug und Synthies herumgedoktert und im Garten die Texte zum Leben erweckt wurden. Und diese Spielfreude merkt man dem Album bei nahezu jedem Lied an. Hier sind 12 Musiker am Werke, die allesamt auf einer Wellenlänge liegen, das gleiche Verständnis von musikalischer Ausdrucksform mitbringen und die nötige Portion an Mut und Kreativität an den Tag legen. Kurzum: 12 Leute, die verdammten Bock darauf gehabt haben, gemeinsam Mucke zu machen und ein in allen Belangen spannendes und abwechslungsreiches Album aufzunehmen!
Los geht´s mit „Stadtflucht“, einem NDW-angehauchten Electro-Punk-Song. Für einen Opener eher untypisch, da er nicht unbedingt repräsentativ für das Album ist. Andererseits… welcher der Titel ist das schon bei dieser hohen Anzahl an Musikern, bei denen jeder seinen Input in die Produktion mit eingebracht hat? Dennoch fällt dieses Stück klanglich etwas aus dem Rahmen – Sonnenbrandt haben sich dieses Stück einfallen lassen, als es darum ging, einen Song über Schuhe zu schreiben. Klingonisch, is aber so… Rotzig, straight und verdammt cool!
„Die Physiker“ folgt auf dem Fuße und siehe da: hier gibt es den erwarteten typischen Welle: Erdball-Sound, sowohl was Musik als auch den anklagenden Text betrifft. „Tötet die Visionen, denn sie sind impulsiv… wie all unsere Gedanken hoch radioaktiv“, heißt es hier. Inhaltlich auf der Höhe der Zeit besingen Honey von Welle und Diana von Hertzinfarkt die Sonnen- und Schattenseiten des technischen Fortschritts. Während der Aufnahmesessions zum Album ließen es sich die Bandmitglieder nicht nehmen, zu „Die Physiker“ sogar noch einen Videoclip zu drehen, der auf der CD als Daten-Track mitgeliefert wird.
Die Stimmung reicht von Gude-Laune-Nummer (Verdeck auf für die Cabrio-Hymne „Der Sommer ist da“!) bis hin zum kalten Electro-Track wie bei „Space Odyssee“, eines der stärksten Titeln auf „Mono-Poly“, das sich Samples aus dem Welle: Erdball Hörspiel „Commander Laserstrahl“ bedient und düster elektronisch durch Honeys Stimme von jenem Commander erzählt, der sich gerade unter Beschuß befindet. Dazu gesellen sich nur allzu bekannte Zeilen wie „Die neue Welt, sie wartet schon…“ und wir wissen, in welche Schublade wir diesen Titel am ehesten einsortieren können. Der warme Backgroundgesang untermalt die Stimmung dieses minimalistischen tollen Songs.
Ebenfalls düster geht es bei dem mit Gitarre und Synthesizern spielenden „Die Zeit steht still“ und dem dystopischen „Eine Maschine will ich sein“ zu Werke. Letzteres Stück handelt von einem Menschen, der sich wünscht, so gefühlskalt wie eine Maschine zu sein – und damit glücklich! Die Appelle, die hier ausgerufen werden lauten unter anderem: „Schalte meine Sehnsucht aus“, „Töte meine Emotion“, „Töte für mich mein Gefühl“, „Schalte meine Seele aus“, „Ich will deine Kälte spür´n“… Hört sich jetzt nicht sonderlich spaßig an, zeigt aber im Vergleich zu anderen Songs die Ernsthaftigkeit, mit der sich der Vierling (oder sollen wir besser sagen Zwölfling) beschäftigt hat.
Doch liebe positivere Stimmung? OK, die gibt´s auf der Ohrwurmnummer „Liebe zu viert“, ein schnuckeliges Duett (wie immer eigentlich) zwischen Honey mit verzerrter Stimme und Plastiques zauberhaftem Gesang. Beginnend mit einem witzigen Sprach-Sample am Anfang („Fang am besten gleich an… du sollst auspacken, Puppe!“) braucht der Song nicht lange, um zum heiß erwarteten Refrain hinüberzugehen. „Komm, schalt dein Herz aus, egal was auch passiert, wir stellen uns im Kreis auf und lieben uns zu viert.“ Was den Chorus betrifft ist dies hier der mit Abstand stärkste Track auf der CD! Plastique besingt zunächst den titelgebenden Gruppensex, anschließend einen heißen Dreier, gefolgt von einer Liebe „alleine zu zweit“ und schließlich von Selbstbefriedigung. Provokant, lustig und irgendwie total mitreißend. Bleibt nur zu hoffen, dass hiervon eventuell auch eine abgeänderte Fassung auf einem Welle: Erdball-Release veröffentlicht wird, damit wir live auch das eine oder andere mal in den Genuß dieses wunderschönes Stückes kommen können. So wie das Lied angefangen hat, so endet es auch: mit dem Sprach-Sample „Kann ich jetzt bitte meine Bluse wiederhaben?“ entlässt Die Funkhausgruppe seinen Hörer aus diesem Song und macht deutlich, dass trotz der Inhalte der Humor während dieser Albumproduktion nie zu kurz gekommen ist.
„Der Computer Nr. 3“ ist eine fetzige Electro-Rock Nummer, das vielen von euch sicherlich bekannt vorkommen dürfte. Ursprünglich ein Stück der französischen Sängerin France Gall, die 1968 damit an einem deutschen Schlagerwettbewerb teilnahm, hatte die Formation Kontrast (Ex-Isecs, „Einheitsschritt“, „Freiheit?“) dieses Stück für ihr Album „Industrie-Romantik“ aus dem Jahr 2004 gecovert, allerdings haben sie das Wort „Computer“ mit einem „K“ am Anfang geschrieben. Im Vergleich zum Kontrast-Cover hat die Funkhausgruppen-Version jedoch deutlich mehr Feuer im Arsch, sorgt für eine etwas andere Betonung und reiht sich damit sehr passend auf „Mono-Poly“ ein.
Abschließend noch einige Beispiele für den ausgeprägten Ideenreichtum dieser Musikergruppe: „Wahre Arbeit, wahrer Lohn“, ebenfalls Worte, die einem häufiger im Electro-Genre begegnen. In „Liebeskrieg“ singt Plastique auf einer Melodie, die wie eine Mischung aus Italowestern-Score und militärem Getrommel daherkommt. Die Lyrics, solo geträllert von Madame – pardon – Frl. Plastique bestehen nicht selten aus martialischen Begriffen, wie in der Zeile „So kämpfen wir die letzte Schlacht, es wird wieder mobil gemacht“ sehr gut zu erkennen ist.
Der „Tanzpalast“ ist erneut eine schnuckelige Hommage an die Neue Deutsche Welle, rührend und fast schon kitschig, obwohl doch so wahrheitsgetreu. Das Tempo ist hier relativ hoch, was hinsichtlich des Titels sinnvoll erscheint. Dagegen wird beim nachfolgenden finalen Stück deutlich auf die Bremse getreten. „Fernweh“ klingt zumindest so, als ob tatsächlich alle Mitglieder zusammen im Duett singen würden. Das ist sowohl in den einzelnen Strophen zu vernehmen, als auch im stimmgewaltigen Chorus. „Heute singen wir zusammen, heut´ ist unser Tag“. Ein gebührender Abschluß für dieses geglückte Kollaborations-Experiment.
Wenn ihr zu denjenigen gehören solltet, die ein Ticket für das diesjährige bereits ausverkaufte Amphi-Festival ergattern konntet, dann solltet ihr euch den einzigen Live-Auftritt der Funkhausgruppe nicht entgehen lassen! Der Gig wird am Sonntag, den 17. Juli am Tanzbrunnen in Köln von 12:50 Uhr bis 13:30 Uhr stattfinden!
Diese Zusammenkunft ambitionierter Künstler ist das Geld allemal wert und schreit geradezu nach einer Wiederholung. Typisch für eine Mitwirkung von Welle: Erdball ist jedenfalls die gekonnte Mischung zwischen absolut ernsthaften Themengebieten und augenzwinkerndem Humor auf den insgesamt 12 Titeln. Und davon gibt es auf „Mono-Poly“ mehr als genug. Cover top, Inhalt top, Gesang top (Plastique verkörpert derzeit für mich die perfekte Stimme), Produktion top, der Fanfaktor ist enorm hoch. Heißt unterm Strich: Bestnoten in allen Bewertungskategorien. Für mich jetzt schon neben „Der Neue Mensch“ von homo~futura ein Garant für die Jahres-Top-Ten.
Wertung
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Trackliste
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Anspieltipps
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Videoclip
Tourdaten
- 17.07.11 | Köln | Tanzbrunnen Köln (im Rahmen des Amphi Festivals)
Links
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